Two young boys carrying water walk down a road next to a camp for internally displaced persons in Somalia.

World Social Protection Report 2024-26

Soziale Sicherung spielt eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels - am stärksten von der Klimakrise betroffene Länder sind am wenigsten darauf vorbereitet

Die Regierungen müssen mehr tun, um das Potential universeller Sozialer Sicherung für die Anpassung an den Klimawandel zu nutzen, seine Auswirkungen abzumildern und eine gerechte Transformation zu fördern, so ein neuer Bericht der ILO.

12. September 2024

Internally displaced persons in Somalia © Tobin Jones / UN Photo

GENF (ILO-News) - Regierungen schöpfen die enormen Möglichkeiten Sozialer Sicherung nicht vollständig aus, um den Auswirkungen der Klimakrise entgegenzuwirken und einen gerechte Transformation zu unterstützen, so der aktuelle Bericht der International Labour Organization (ILO). Der Bericht konstatiert, dass die Länder, die am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, häufig das niedrigste Sozialschutzniveau aufweisen.

Der World Social Protection Report 2024-26: Universal Social Protection for Climate Action and a Just Transition stellt heraus, dass zum ersten Mal mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung (52,4 Prozent) mindestens durch eine Form Sozialer Sicherung geschützt ist. Dies ist ein Anstieg gegenüber 42,8 Prozent im Jahr 2015, dem Jahr, in dem die Sustainable Development Goals (SDGs) verabschiedet wurden.

In den 20 Ländern, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind, fehlt es jedoch immer noch 91,3 Prozent der Menschen (364 Millionen) an jeglicher Form von Sozialer Sicherung. In den 50 am stärksten von der Klimakrise betroffenen Ländern sind 75 Prozent der Bevölkerung (2,1 Milliarden Menschen) nicht sozial abgesichert. Weltweit hat die Mehrzahl der Kinder (76,1 Prozent) noch immer keine wirksame Soziale Sicherung. Auch zwischen den Geschlechtern besteht ein erhebliches Gefälle, wobei die effektive Absicherung von Frauen hinter der von Männern zurückbleibt (50,1 bzw. 54,6 Prozent).

Diese Lücken sind besonders gravierend, wenn man bedenkt, welche Rolle Soziale Sicherung dabei spielen kann, die Auswirkungen des Klimawandels abzufedern, Menschen und Gesellschaften bei der Anpassung an eine neue, klimatisch unbeständige Realität zu unterstützen und einen gerechten Übergang zu einer nachhaltigen Zukunft zu erleichtern.

„Der Klimawandel kennt keine Grenzen, und wir können keine Mauer bauen, um die Krise fernzuhalten. Die Klimakrise betrifft uns alle und stellt heute die größte Bedrohung für die soziale Gerechtigkeit dar“, sagte Gilbert F. Houngbo, Generaldirektor der ILO. „Viele der Länder, die die brutalsten Folgen dieser Krise zu spüren bekommen, sind besonders schlecht gerüstet, um mit den Folgen für die Umwelt und die Lebensgrundlagen umzugehen. Wir müssen erkennen, dass das, was mit den betroffenen Gemeinschaften geschieht, uns alle betrifft... Ein universeller Sozialschutz steht ganz oben auf der Liste der Instrumente, die uns zur Verfügung stehen, um sicherzustellen, dass die Klimakrise die bestehenden Ungleichheiten und die Ausgrenzung der betroffenen Bevölkerungsgruppen nicht vertieft.“

"Ein universeller Sozialschutz steht ganz oben auf der Liste der Instrumente, die uns zur Verfügung stehen, um sicherzustellen, dass die Klimakrise die bestehenden Ungleichheiten und die Ausgrenzung der betroffenen Bevölkerungsgruppen nicht vertieft.” – Gilbert F. Houngbo, ILO Director-General

Soziale Sicherung kann den Menschen helfen, sich an klimabedingte Schocks anzupassen und diese zu bewältigen, indem Sozialleistungen wie Einkommenssicherheit und Zugang zur Gesundheitsversorgung gewährleistet werden.

Außerdem kann Soziale Sicherung Familien, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sowie Unternehmen während der grünen Transformation helfen und nachhaltigere Wirtschaftspraktiken ermöglichen. Dazu gehört die Unterstützung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bei der Aus- und Weiterbildung, damit sie mit Fachwissen und -kompetenzen für eine Beschäftigung in grünen und kohlenstoffarmen Sektoren ausgestattet sind. Angemessene Soziale Sicherung mit entsprechenden Leistungen schafft den Rahmen für Arbeit unter menschenwürdigen Bedingungen.

„Soziale Sicherung ist unerlässlich, um sicherzustellen, dass die laufende grüne und kohlenstoffarme Energiewende niemanden zurücklässt. Und die Notwendigkeit, Soziale Sicherung universell zu gewährleisten, ist nicht nur ethisch, sondern auch praktisch unerlässlich: Indem wir Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer überall unterstützen und schützen, können wir dazu beitragen, Ängste vor den Transformationsprozessen abzubauen, was für die Mobilisierung breiter Unterstützung durch die Bevölkerung für einen nachhaltigen und gerechten Übergang unerlässlich ist“, fügte der Generaldirektor hinzu.

Doch trotz ihrer Rolle als Impulsgeber und Wegbereiter positiver Klimamaßnahmen gelingt es den Regierungen nicht, das Potential von Sozialen Sicherungssystemen optimal auszuschöpfen, was vor allem an anhaltenden finanziellen Deckungslücken und erheblichen Unterinvestitionen liegt.

Im Durchschnitt geben die Länder 12,9 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Soziale Sicherung (ausschließlich Gesundheitsschutz) aus. Während jedoch Länder mit hohem Einkommen durchschnittlich 16,2 Prozent ausgeben, stellen Länder mit niedrigem Einkommen nur 0,8 Prozent ihres BIP für Soziale Sicherung bereit. Länder mit niedrigem Einkommen - zu denen die Staaten gehören, die am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind - benötigen zusätzlich 308,5 Milliarden US-Dollar pro Jahr (52,3 Prozent ihres BIP), um zumindest eine grundlegende Form von Sozialer Sicherung zu gewährleisten. Um dieses Ziel zu erreichen, ist internationale Unterstützung erforderlich.

Es ist Zeit für entschlossenes und integratives politisches Handeln, um Sicherungslücken zu schließen und unerlässlich, den Einsatz zu erhöhen und erheblich in Soziale Sicherung zu investieren. Der Bericht enthält wichtige Empfehlungen, die als Richtschnur für Politik dienen und wirksame und nachhaltige Ergebnisse gewährleisten sollen, darunter:

  • Vorbereitung sowohl auf „erwartbare“ Lebensrisiken als auch auf klimabedingte Schocks durch die Einrichtung von Sozialschutzsystemen, die präventiv wirken und sicherstellen, dass jeder Mensch eine angemessene Soziale Absicherung erhält.
  • Nutzung Sozialer Sicherung zur Unterstützung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen und zur Gewährleistung der öffentlichen Akzeptanz solcher Maßnahmen.
  • Vorrangige Investitionen in Soziale Sicherungssysteme, einschließlich externer Unterstützung für Länder mit begrenztem finanzpolitischen Spielraum.

Relevante Inhalte

Weltbericht zur sozialen Sicherung 2024-26: Universelle soziale Sicherung für Klimaschutz und einen gerechten Übergang

Zusammenfassung

Weltbericht zur sozialen Sicherung 2024-26: Universelle soziale Sicherung für Klimaschutz und einen gerechten Übergang