Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt verliert an Fahrt – neuer Bericht der ILO
Geopolitische Spannungen, die steigenden Kosten des Klimawandels und ungelöste Schuldenfragen setzen die Arbeitsmärkte unter Druck, so die International Labour Organization.
2024 stagnierte die weltweite Beschäftigung und stieg nur aufgrund des Wachstums der Erwerbsbevölkerung an. So verblieb die Arbeitslosenquote bei 5 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit hat sich ebenfalls kaum verbessert und bleibt mit 12,6 Prozent hoch. Informelle Arbeit und Arbeitsarmut erreichten wieder das Niveau von vor der Pandemie, wobei Länder mit niedrigem Einkommen die größten Schwierigkeiten bei der Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze haben.
Herausforderungen für den Aufschwung
Geopolitische Spannungen, steigende Kosten durch die Auswirkungen des Klimawandels und ungelöste Schuldenprobleme, setzen Arbeitsmärkte unter Druck. Obwohl die Inflation zurückgegangen ist, bleibt die Inflationsrate hoch und schmälert den Wert der Löhne, so der Bericht. Die Reallöhne sind nur in einigen Industrieländern gestiegen, und die meisten Länder erholen sich noch immer von den Auswirkungen der Pandemie und der Inflation.
Die Erwerbsbeteiligung ist rückläufig, insbesondere bei jungen Menschen
Die Erwerbsquoten sind in Ländern mit niedrigem Einkommen gesunken, während sie in Ländern mit hohem Einkommen gestiegen sind, vor allem bei älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und Frauen. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede sind jedoch nach wie vor groß. Da weniger Frauen erwerbstätig sind, konnte es kaum Fortschritte in der Verbesserung des Lebensstandards geben. Bei jungen Männern ist die Erwerbsbeteiligung stark zurückgegangen, viele von ihnen gehören zur sogenannten Gruppe der „NEET“ - Jugendliche und junge Erwachsene, die keine Schule besuchen, keiner Arbeit nachgehen und sich nicht in beruflicher Ausbildung befinden. Besonders ausgeprägt ist dieser Trend in Ländern mit niedrigem Einkommen, wo die NEET-Quoten junger Männer um fast 4 Prozentpunkte über den historischen Durchschnitt von vor der Pandemie gestiegen sind, was sie für wirtschaftliche Veränderungen besonders anfällig macht.
Die NEET-Quoten in Ländern mit niedrigem Einkommen stiegen im Jahr 2024 an, wobei die Zahl der jungen Männer 15,8 Millionen (20,4 Prozent) und die der jungen Frauen 28,2 Millionen (37,0 Prozent) erreichte - ein Anstieg von 500.000 bzw. 700.000 gegenüber 2023 bedeutet. Weltweit waren im Jahr 2024 85,8 Millionen junge Männer (13,1 Prozent) und 173,3 Millionen junge Frauen (28,2 Prozent) nicht in Arbeit, beruflicher oder schulischer Ausbildung, was einem Anstieg von 1 Million bzw. 1,8 Millionen gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Die weltweite Beschäftigungslücke erreicht 402 Millionen
Die weltweite Beschäftigungslücke - die geschätzte Zahl der Menschen, die gerne arbeiten würden, aber keine Arbeit haben - erreichte 2024 402 Millionen. Dazu gehören 186 Millionen Arbeitslose, weitere 137 Millionen, die vor allem entmutigte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind, und 79 Millionen Menschen, die gerne arbeiten würden, aber aufgrund von Verpflichtungen, wie z. B. Pflegeverantwortung, daran gehindert werden. Während sich das Beschäftigungsdefizit seit der Pandemie allmählich verkleinert hat, dürfte es sich in den nächsten zwei Jahren stabilisieren.
Neue Chancen im grünen und digitalen Sektor
Potenzial für Beschäftigungswachstum besteht insbesondere in den Bereichen grüne Energie und digitale Technologien. Die Zahl der Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien ist weltweit auf 16,2 Millionen gestiegen, was auf Investitionen in Solar- und Wasserstoffkraft zurückzuführen ist. Allerdings sind diese Arbeitsplätze ungleichmäßig verteilt - fast die Hälfte ist in Ostasien angesiedelt.
Digitale Technologien bieten ebenfalls Wachstumsmöglichkeiten, aber vielen Ländern fehlt es an Infrastruktur und Fachwissen, um von diesen Fortschritten in vollem Umfang zu profitieren.
Innovative Lösungen
Der Generaldirektor der ILO, Gilbert F. Houngbo, betonte, dass dringend gehandelt werden muss. „Menschenwürdige Arbeit und produktive Beschäftigung sind für die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) unerlässlich. Um eine Verschärfung des bereits angespannten sozialen Zusammenhalts, eine Eskalation der Klimaauswirkungen und einen Anstieg der Verschuldung zu vermeiden, müssen wir jetzt handeln, um die Herausforderungen des Arbeitsmarktes anzugehen und eine gerechtere, nachhaltigere Zukunft zu schaffen. Jede Verzögerung birgt die Gefahr, die Krise zu verschärfen und Millionen von Menschen weiter zurückzulassen“, sagte er.
Der Bericht enthält einige Empfehlungen zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen:
Steigerung der Produktivität: Investitionen in Qualifizierungsmaßnahmen, Bildung und Infrastruktur zur Förderung von Wirtschaftswachstum und Schaffung von Arbeitsplätzen
Ausbau des Sozialschutzes: Besserer Zugang zu sozialer Sicherheit und sicheren Arbeitsbedingungen, um Ungleichheiten zu verringern
Effektive Nutzung privater Mittel: Länder mit niedrigem Einkommen können Überweisungen und Diaspora-Gelder zur Unterstützung lokaler Entwicklung nutzen.