ILO-Bericht zeigt Weg für nachhaltiges Wachstum in Bangladesch

Eine neue Studie der ILO-Forschungsabteilung legt Politikvorschläge für wirtschaftliches Wachstum und menschenwürdige Arbeitsbedingungen in Bangladesch vor.

20. November 2013

Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie Bangladeschs ist zwingende Voraussetzung zur Erreichung nachhaltigen Wachstums, so der neue Bericht „Seeking better employment conditions for better socioeconomic outcomes“, der von der ILO-Forschungsabteilung in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, Arbeitgebern und Regierungen in Bangladesch erarbeitet wurde.

Bangladesch erreichte in den letzten zwei Dekaden hauptsächlich durch Exporte der Textilindustrie ein relativ hohes Wirtschaftswachstum. 2011 trug das Land mit 4,8 Prozent zum weltweiten Textilexport bei, verglichen mit 0,6 Prozent im Jahr 1990.

Unreguliertes Industriewachstum führte zu schlechten Arbeitsbedingungen im Textilsektor. Dies verhinderte nicht nur nachhaltige Entwicklung, sondern zeigte die schlimmsten bisher zu verzeichnenden Industriekatastrophen.


Textilarbeiterlohn in Bangladesch ist der niedrigste der Region


Der Textilarbeiterlohn in Bangladesch ist der niedrigste in der ganzen Region. Im August 2013 lag der monatliche Mindestlohn für einen Arbeiter im Textilsektor bei 39 US-Dollar. Das entspricht ungefähr der Hälfte des Betrags, den andere Textil-Exportländer wie Kambodscha (80 US-Dollar), Indien (71 US-Dollar), Pakistan (79 US-Dollar), Sri-Lanka (73 US-Dollar) oder Vietnam (78 US-Dollar) zahlen.

Während diese Länder die Mindestlöhne regelmäßig überarbeiten, hat Bangladeschs Textilindustrie seit der Mindestlohn-Festsetzung 1985 nur dreimal eine Anpassung vorgenommen, zuletzt im Jahr 2010. Ein neu geschaffener Lohnausschuss soll nun in Kürze Empfehlungen für einen Anstieg des Mindestlohns vorlegen.

Industrieunfälle haben das Thema Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit der Arbeiter im Textilsektor in die Weltschlagzeilen gebracht: Ein Feuer in einer Textilfabrik im November 2012, das 117 Arbeiter tötete und der Einsturz des mehrere Textilbetriebe umfassenden Rana Plaza Gebäudes im April 2013, bei dem 1.129 Arbeiter getötet wurden. Rana Plaza ist eine der schlimmsten Industriekatastrophen, die jemals verzeichnet wurden.

Obwohl die Regierung in den letzten sechs Monaten einige konkrete Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz getroffen hat, bleiben die unzureichenden Arbeitsbedingungen in vielen Fabriken, besonders des Textilsektors, eine Herausforderung.

Armut und mangelnde soziale Absicherung


Nach nationalen Schätzungen ist die Armut zurückgegangen, dennoch müssen 76 Prozent der Bevölkerung mit weniger als 2 US-Dollar pro Tag auskommen, das entspricht der höchsten Armutsrate der Region. Hinzu kommt, dass sich das System der sozialen Absicherung auf einem sehr niedrigen Stand bewegt. Im Jahr 2010 hatten weniger als 10 Prozent aller städtischen Armen Zugang zu sozialer Sicherheit.

Sollte nicht eine umfassenden Arbeits- und Sozialpolitik eingeführt werden, wird Bangladesch nicht in der Lage sein, die wirtschaftliche Dynamik zu halten und zur Verbesserung des Lebensstandards in nachhaltiger Weise beizutragen. Da der Textilsektor für die Wirtschaft von großer Bedeutung ist, sind tiefgreifende Maßnahmen notwendig.
  • Erstens: Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsaussichten, vor allem im Textilsektor. Dies sichert die Exportfähigkeit und ist ein Schlüsselfaktor für Wachstum und Aufbau von Beschäftigung, vor allem für Frauen. Zudem trägt dies dazu bei, die Abwanderungen junger Bangladeschis zu stoppen. Diese müssen die höchsten Vermittlungsgebühren für Arbeit im Ausland zahlen und sehen sich im Zielland oftmals missbräuchlichen Arbeitsbedingungen in der Hand skrupelloser Arbeitgeber ausgesetzt.
  • Zweitens:Es ist dringend notwendig, die Lohnfindungspolitik zu stärken, vor allem durch wirksame Mindestlöhne. In dieser Hinsicht ist es sehr wichtig, die Empfehlungen des Mindestlohn-Ausschusses zu begleiten, der seine Vorschläge noch im November 2013 unterbreiten soll.
  • Drittens: Es ist äußerst wichtig, den Bereich der informellen Arbeit anzugehen. Die Erwerbsbevölkerung ist während der letzten beiden Dekaden auf mehr als zwei Millionen Menschen pro Jahr gestiegen. Es wurden aber nur 200.000 registrierte Arbeitsplätz pro Jahr in den letzten zehn Jahren geschaffen. Im Ergebnis stieg die informelle Beschäftigung von 75 Prozent in den Jahren 1999/2000 auf 87 Prozent im Jahr 2010 – wieder die höchste Rate der Region.

Nicht zuletzt haben Frauen einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung Bangladeschs geleistet. Dies betrifft sowohl die Modernisierung einer agrarischen Gesellschaft als auch die landwirtschaftliche Produktion. Dennoch besteht weiterhin Geschlechterdiskriminierung in großer Zahl, vor allem beim Zugang zur Bildung, Arbeitsmarkteinkommen und bei den Arbeitsbedingungen.

„Technische Zusammenarbeit wird ein Schlüsselfaktor sein, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Das im letzten Monat von der ILO und der Regierung von Bangladesch aufgelegte Programm wird zu Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und zur Sicherheit von Tausenden von Textilarbeitern in Bangladesch beitragen“, so der stellvertretende ILO-Generaldirektor Gilbert Houngbo. Danach wird die nächste Herausforderung darin bestehen, dass ILO-finanzierte Programm für die Textilindustrie, den Nachhaltigkeitspakt der Europäischen Union und Initiativen des privaten Sektors wie die Übereinkunft über Feuer und Gebäudesicherheit in Bangladesch und die Allianz für Sicherheit der Arbeiter Bangladeschs zu koordinieren.

Einige ausgewählte Schlüsseldaten zum Report:


Zwischen 2000 und 2010 erreichte das Bruttoinlandprodukt in Bangladesch ein durchschnittliches Wachstum von fast 6 Prozent, die Beschäftigungsrate fiel um 1.7 Punkte und stand im Jahr 2010 bei ca. 67 Prozent.

Im Jahr 2010 betrug die Kluft zwischen der Beschäftigungsrate der Jugendlichen und der Erwachsenen geschätzt 20 Prozent. Dies hat sich in den letzten Jahren noch verschärft. Besorgniserregender ist die Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit auch bei besserer Bildung steigt.

Bangladesch ist eines der größten Empfänger von Rückzahlungen seiner Migranten pro Jahr. Im Jahr 2011 machte der Betrag 10.8 Prozent des Bruttoinlandprodukts oder 12 Millionen US-Dollar aus, eine Steigerung um das Fünffache verglichen mit einer Dekade davor. Mittlerweile hat sich die jährliche Abwanderung von Bangladeschis um das Vierfache erhöht. Die Aussicht auf höheres Einkommen ist der hauptsächliche Pull-Faktor.

Bangladeschs Wanderarbeitnehmer zahlen die höchsten Vermittlungsgebühren, um Arbeit im Ausland zu finden, in der Region. Die durchschnittlichen Kosten die pro Arbeiter aufzubringen sind ist 4,5 mal höher als das jährliche pro-Kopf-Bruttoinlandprodukt.