ILO at Work: Von sozialem Basisschutz bis hin zur Ernteausfallversicherung

Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Mit der Flexibilität am Arbeitsplatz wird vor allem die Sicherheit von Arbeitsplätzen infrage gestellt. Daher sind soziale Sicherungssysteme auch in der Zukunft von enormer Wichtigkeit. Der Blick in die Praxis zeigt Beispiele, wie die ILO Staaten unterstützt, einen sozialen Basisschutz aufzubauen oder Ernteausfallversicherungen einzuführen, die die Existenzgrundlage von Beschäftigten sichern.

16. Dezember 2016

Die ILO Social Protection Floor Initiative

Die ILO geht davon aus, dass weltweit 73% der Bevölkerung nicht adäquat gegen die Risiken Krankheit und Arbeitslosigkeit versichert sind. Und selbst dort, wo es bestehende Instrumente für einen sozialen Basisschutz gibt, bedarf es einer regelmäßigen Überprüfung, ob diese Systeme auch zukunftssicher sind.

Die Social Protection Floor Initiative der ILO unterstützt Staaten beim Aufbau von sozialen Sicherungssystemen, um langfristig Basisschutz sicherzustellen. Ziel ist es, künftig allen Menschen den Zugang dazu zu ermöglichen. Das Recht auf Grundsicherung ist auch im Ziel 1.3 der 2030 Agenda verankert, die die Absicht verfolgt, sozialen Schutz in jedem Land über den gesamten Lebenszyklus hinweg zu ermöglichen. Die Philosophie dahinter: Jedes Land kann mit einer minimalen Startfinanzierung ein System des sozialen Schutzes aufbauen. Die ILO arbeitet seit mehreren Jahren gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation an der Umsetzung des Programms. Die ILO-Empfehlung 202 gilt Staaten Orientierungshilfen zur Umsetzung von sozialem Basisschutz für ihre Bürger.

Die Strategie ist für jedes Land individuell. Nach einer Bestandsaufnahme folgen konkrete Hilfestellungen bei der Implementierung durch Beratung, Training und Ausbau der Verwaltungsstrukturen. In einer letzten Phase wird die Wirksamkeit analysiert. Alle Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass Staaten gegenüber der Bevölkerung rechtlich verpflichtet werden, Basisschutz zu garantieren.

Ein erstes Ziel der ILO Initiative ist es, weltweit eine bessere Versorgung bis 2020 sicherzustellen. 30 Mio. Menschen sollen einen Erstzugang zu sozialem Basisschutz erhalten. Zudem sollen 50 Mio. Menschen bis 2020 besser abgesichert sein als zuvor. Insgesamt sollen 130 Mio. Menschen bessere Zugangsbedingungen erfahren.

Indonesien: Der Social Protection Floor in der Anwendung

Ein Land, das sich sehr stark für einen universellen Basisschutz seiner Bürger eingesetzt hat, ist Indonesien. Das G20-Mitglied hat nach der asiatischen Finanzkrise 1998 erkannt, dass es eines Sicherheitsnetzes für die gesamte Bevölkerung bedarf, gerade in Krisenzeiten. Die ILO hat 2012 eine erste Bestandsaufnahme der vorhandenen sozialen Sicherungssysteme vor Ort durchgeführt. Ausgehend von den rechtlichen Grundlagen Indonesiens wurden Empfehlungen erarbeitet, welche Bereiche des sozialen Basisschutzes ausgebaut werden könnten. Die Frage der Finanzierung wurde von vornherein berücksichtigt.

Das Projekt trägt erste Früchte: 2014 wurde für das indonesische Gesundheitswesen ein nationales Gesetz für eine flächendeckende Versicherung verabschiedet, die das fragmentierte Geflecht verschiedener Versicherungen vereinfacht und zu einer großen Unfallversicherung zusammenführt. Bis 2019 soll eine universelle Krankenversicherung aufgebaut werden, die sich durch regelmäßige Beiträge aller Mitglieder finanziert. Zusätzlich greift der Staat den finanziell Schwächeren durch Beihilfen unter die Arme. Gezahlt werden Alters-, Erwerbsunfähigkeits- und Hinterbliebenenrenten. Das Programm finanziert sich durch einen leistungsorientierten Plan und eine Vorsorgereserve. Informell Arbeitende können freiwillig einzahlen. Weitere Assistenzprogramme für Bedürftige sind in Planung.

Durch die Verbesserung des sozialen Basisschutzes werden Armut und Ungleichheit reduziert. Gleichzeitig kurbelt die Umverteilung die wirtschaftliche Nachfrage an und begünstigt Gleichberechtigung durch einen fairen Zugang zu Förderung.

Eine besondere Versicherung: Ernteausfälle abfedern und Auswirkungen auf gesamte Bevölkerungsschichten mildern

Dort, wo Menschen von der Landwirtschaft leben, sind sie nicht nur der Volatilität von Marktpreisen ausgesetzt, sondern auch der Unberechenbarkeit des Wetters. Weltweit tragen 500 Millionen Kleinbauern zur Nahrungssicherung bei. Die in Afrika und Asien durch Kleinbauern erwirtschafteten Nahrungsmittel haben einen Anteil von 80 % an der Gesamtmenge aller Nahrungsmittel. Ein wetterbedingter Ernteausfall resultiert nicht nur im Verlust individueller Lebensgrundlagen, sondern hat auch Auswirkungen auf Konsumenten und andere Agrarservicedienstleister. Dieser Unberechenbarkeit des Klimas hat sich die ILO Impact Insurance Facility mit ihrer Arbeit zu sogenannten Ernteausfallversicherungen in Afrika und Asien seit 2008 angenommen und arbeitet mit Versicherungsanbietern an innovativen Lösungen. Ziel ist es, Menschen Zugang zum Angebot qualitativ wertvoller und bezahlbarer Versicherungen zu ermöglichen, denen dieser zuvor verwehrt blieb.

Es gibt jedoch einige Herausforderungen hinsichtlich der Umsetzung. So besteht in vielen Fällen Misstrauen vonseiten der Bauern, die oft das Konzept einer Versicherung nicht kennen. Auch die Höhe der Prämien und ein fehlendes Verständnis für Vertragsklauseln aufgrund geringer Alphabetisierung im ländlichen Raum stellen mitunter Umsetzungshindernisse dar. Bisweilen genügen schon einige Anpassungen, um das Angebot attraktiver zu machen: Es hat sich gezeigt, dass Kleinbauern offener für den Abschluss einer Versicherung sind, wenn sie mit einem anderen Finanzprodukt verknüpft wird. In Indien wird die Aufnahme eines Kredits beispielsweise mit einer Getreideversicherung kombiniert, die vor klimabedingten Ausfällen schützt. Zusätzlich werden bis zu 75 % der Kosten vom Staat subventioniert. Aktuell sind durch dieses Programm 25 Millionen Bauern gegen Ernteausfälle versichert. Auch lohnt es sich, weitere Servicedienstleistungen mit der Versicherung zu verbinden. In einem anderen Projekt erhalten Versicherte zum Beispiel per SMS oder automatischen Anrufen Informationen zu lokalen Getreidepreisen und Wettervorhersagen. Diese werden in lokalen Sprachen wiedergegeben und sind selbst für nicht alphabetisierte Menschen für die Arbeit auf dem Feld hilfreich. Das schafft Planungssicherheit und Vertrauen.

Mit der regional sehr spezifischen Arbeit der ILO zu landwirtschaftlichen Versicherungen bleibt die Landwirtschaft eine attraktive Branche für viele Bauern.