ILO Köpfe: Marianne Furrer, Arbeitsmarktökonomin im Research Department der ILO, über die Kernerkenntnisse der Crowdworking-Studie

Viele Crowdworker müssen von ihrem geringen Einkommen leben, soziale Absicherung ist Mangelware. Im Interview erläutert Marianne Furrer, Arbeitsmarktökonomin bei ILO Research, wo die größten Baustellen liegen und was getan werden muss, dass Crowdworking menschenwürdiger gestaltet werden kann.

17. Oktober 2018

1. Crowdworker sind oft auf das Einkommen angewiesen, auch wenn sie die Arbeit oft nur nebenberuflich machen. Was verdienen Crowdworker? Und wo liegen die größten Probleme bei der Entlohnung?


Die finanzielle Abhängigkeit ist in der Tat hoch. Unsere Umfrage zeigt, dass Crowdwork für jeden dritten Crowdworker die Haupteinkommensquelle darstellt und dass nur etwa die Hälfte einer anderen bezahlten Beschäftigung nachgeht. Die Einkommen auf Microtask-Plattformen sind jedoch sehr gering und variieren im Durschnitt je nach Region zwischen 1,33 und 4,70 US-Dollar pro Stunde. In Industriestaaten entsprechen die Einkommen daher oftmals nur einem Bruchteil des Mindestlohns, was es extrem schwierig macht, damit den Lebensunterhalt zu bestreiten.
Die niedrigen Einkommen sind zum einen durch die schlechte Vergütung der einzelnen Aufgaben bedingt. Zum anderen können weitere Faktoren die Einkommen zusätzlich reduzieren. Zum Beispiel müssen Crowdworker beträchtlich viel Zeit damit aufwenden, im globalen Wettbewerb Aufgaben zu ergattern. Zudem gehen die Zurückweisung von geleisteter Arbeit, Fehler in der Ausgestaltung und Anweisungen zu den Aufgaben sowie technische Probleme ebenfalls zu Lasten der Crowdworker.

2. Crowdworker arbeiten selbstständig und sind nicht Teil einer klassischen Belegschaft. Wie steht es um ihre soziale Absicherung? Und gibt es Ansätze, diese zu verbessern?


Crowdworker werden oft als Solo-Selbständige eingestuft, wodurch ihnen der Zugang zu Arbeitnehmerrechten verwehrt bleibt. 2017 war beispielsweise nur jeder sechste befragte Crowdworker krankenversichert und nur jeder Dritte hatte eine Altersvorsorge. Wo eine soziale Absicherung vorhanden ist, stammt diese häufig aus einer anderen Beschäftigung oder von einem Familienmitglied. Je größer die individuelle Abhängigkeit von Crowdwork, desto geringer die Wahrscheinlichkeit einer sozialen Absicherung.
Wir schlagen daher vor, Sozialversicherungssysteme so anzupassen, dass alle Erwerbstätige abgesichert sind, unabhängig davon, welche Art von Erwerbstätigkeit sie ausüben. Dies würde nicht nur Crowdworkern zu Gute kommen, sondern auch anderen Erwerbstätigen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen sowie Selbstständigen, die oftmals keinen hinreichenden Zugang zu Sozialschutz haben und weniger gegen soziale Risiken abgesichert sind.

3. Als Ein-Frau- oder Ein-Mann-Unternehmen habe ich es schwer, meine Interessen gegen ein Unternehmen durchzusetzen. Was können Crowdworker also tun? Welche Verantwortung tragen die Plattformen?


Crowdworker haben es in der Tat schwer, ihren Interessen gegenüber Plattformen und Auftraggebern Gehör zu verschaffen und diese durchzusetzen, und viele fürchten, leicht ersetzbar zu sein in Anbetracht des globalen Wettbewerbs um Arbeit. Einige gute Initiativen mit dem Ziel, die Arbeitsbedingungen der Crowdworker zu verbessern wurden bereits ergriffen. Und auch Gewerkschaften versuchen, Crowdworker als Mitglieder aufzunehmen und ihnen eine Stimme zu geben. Es muss jedoch noch viel mehr getan werden.
Wir sehen die AGBs der Plattformen als möglichen Ansatzpunkt für Veränderungen, da diese die Arbeitsbeziehung primär regulieren. In der Studie präsentieren wir Vorschläge, wie diese verbessert werden könnten, um fairere Bedingungen für die Crowdworker zu erreichen.
Es sind jedoch nicht nur die Plattformen, die Verantwortung übernehmen und handeln müssen. Es ist essenziell, dass alle relevanten Akteure in die Diskussion über die Zukunft der digitalen Arbeitswelt mit einbezogen werden, einschließlich der Vertreter von Arbeitnehmern, Arbeitgebern, Regierungen und Plattformen. Nur so kann eine Richtung festgelegt werden, die für alle Beteiligten vorteilhafte Ergebnisse ermöglicht.