ILO Köpfe: Expertinneninterview mit der Stellvertretenden Generaldirektorin der ILO Deborah Greenfield

Deborah Greenfield, Stellvertretende Generaldirektorin der ILO, berichtet über die Arbeit der diesjährigen deutschen G20- Präsidentschaft und beschreibt die wichtigsten Themen und zentralen Ergebnisse des G20 Prozesses aus Sicht der ILO. Im Interview schildert sie die vereinbarten Zielsetzungen des Arbeitsministertreffens in Bad Neuenahr. Vor allem betont sie den Vision Zero Fund als zentrales Anliegen der diesjährigen Präsidentschaft, eine globale Initiative für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit der G20, die durch die ILO verwaltet wird.

19. März 2017

Frau Greenfield, als Stellvertretende Generaldirektorin haben Sie eine herausgehobene Stellung innerhalb der ILO. Neben der Verantwortung für die Fachabteilungen beinhaltet ihr Job auch die Rolle als G20 Sherpa. Was bedeutet das für Sie?

Der G20 Gipfel in Hamburg ist der Höhepunkt eines umfassenden Konsultations- und Verhandlungsprozesses. In der Tat treffen sich die Vertreter der G20-Länder mehrfach pro Jahr, um das Treffen der Staats- und Regierungschefs sowie die Communiqués der verschiedenen Ministertagungen vorzubereiten. Wir Sherpas vertreten in diesem Prozess die Staaten und Institutionen mit dem Ziel die Arbeitsstränge zu koordinieren und die Abschlusserklärungen auszuhandeln über die sich die Staats- und Regierungschefs verständigen. Einige internationale Organisationen, darunter auch die ILO, werden beratend in den Prozess einbezogen. Wir sind aktiv in der Arbeitsgruppe Beschäftigung, engagieren uns aber auch im Bereich Entwicklung und Finanzmarktpolitik. Unsere Vision ist eine faire Gestaltung der Globalisierung und inklusives Wachstum, um menschenwürdige Arbeitsbedingungen für alle zu erreichen.

Es ist Ihr erster G20-Prozess. Wie war Ihr Eindruck von den jüngsten Verhandlungen auf dem Arbeitsministertreffen in Bad Neuenahr? Was sind aus Sicht der ILO die wichtigsten Themen und zentralen Ergebnisse, die von der AG Beschäftigung verabschiedet wurden?

Die deutsche G20-Präsidentschaft hat einen tollen Job gemacht! Unter enormem Zeitdruck wurden ehrgeizige Zielsetzungen vereinbart. Wir begrüßen das breite Spektrum der in der LEMM-Erklärung verankerten Politikempfehlungen. Die Arbeitsminister einigten sich auf eine gemeinsame Linie in den folgenden vier Bereichen: Zukunft der Arbeit, globale Lieferketten, Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten und Wanderarbeitern sowie Frauenbeschäftigung. Alle Themen sind von großer Bedeutung für die ILO und auch entscheidend, um die menschenwürdigen Arbeitsziele der 2030 Agenda zu erreichen. Herausheben möchte ich die Vereinbarungen zur Verbesserung von Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit für Arbeitnehmer in globalen Lieferketten. Ein zentrales Anliegen der diesjährigen Präsidentschaft war es, den Vision Zero Fund zu einer G20-weiten Initiative aufzuwerten. Der Fonds, 2015 unter deutscher G7 Präsidentschaft ins Leben gerufen, ist eine globale Initiative zur Prävention von Arbeitsunfällen um die erschreckend hohe Zahl arbeitsbedingter Todesfälle, sowie Verletzungen und Krankheiten am Arbeitsplatz zu reduzieren. Die ILO wurde ermächtigt, den Fonds zu verwalten. In einer ersten Phase werden Projekte in Myanmar und Äthiopien umgesetzt. Eine Komponente ist der Aufbau von Unfallversicherungen.

Könnten Sie kurz die Funktionsweise des G20-Prozesses beschreiben und erläutern inwiefern die ILO dazu beiträgt?

Seit 2008 bringt der G20 Prozess Vertreter der 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer sowie der Europäischen Union zusammen, um sich über die dringlichsten Fragen unserer Zeit zu verständigen. Dieses führende Forum internationaler Wirtschaftskooperation, das als Reaktion auf die globale Finanz- und Beschäftigungskrise etabliert wurde, hat seine Zusammenarbeit im Laufe der Zeit gestärkt. Insgesamt 12 Arbeitsgruppen diskutieren und verabschieden gemeinsame Politikempfehlungen und Verpflichtungserklärungen in Bezug auf verschiedene Bereiche wie beispielsweise Handel, Investitionen, Landwirtschaft, Beschäftigung und Entwicklung. Der "Sherpa"-Track versammelt Vertreter der Leitungsstäbe der Staats- und Regierungschefs, um die Themen zu konsolidieren.

Die ILO gehört zu den internationalen Organisationen, die regelmäßig von den G20 Staaten konsultiert werden. Wir liefern Daten und politische Analysen, um die Entscheidungen der G20 zu fundieren. Bei den Treffen der Chefunterhändler der Staats- und Regierungschefs berichten wir beispielsweise regelmäßig über die jüngsten Arbeitsmarkttrends. Mit anderen Worten, es ist unsere Aufgabe zu beraten und fachlichen Input zu liefern.

Ein besonderes Merkmal der deutschen Präsidentschaft ist der Dialog mit der Zivilgesellschaft. Vertreter von Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden, Jugendlichen, Frauenverbänden, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen veranstalten eigene Gipfeltreffen, um auf ihre Positionen aufmerksam zu machen.

Wir als ILO unterstützen verschiedene Akteure innerhalb des G20-Prozesses. In diesem Jahr sind wir zum Beispiel in die AGs Beschäftigung und Entwicklung sowie in den Sherpa-Track involviert worden. Darüber hinaus tragen wir zu Labour20, Business20, Youth20 und Women20 bei.

Globalisierung, Digitalisierung und demografischer Wandel werden einen erheblichen Einfluss auf die Arbeitswelt haben. Unter der deutschen Präsidentschaft diskutierten G20-Länder über Strategien, wie diesen Herausforderungen in Zukunft begegnet werden kann. Angesichts des hundertjährigen Jubiläums der Organisation ist das Thema für die ILO von großer Bedeutung. Gleichzeitig hat die deutsche Bundesregierung einen Multi-Stakeholder-Konsultationsprozess initiiert und ein Weißbuch zum Thema "Arbeiten 4.0" verfasst. Was kann die ILO aus Gesprächen in Deutschland und innerhalb der G20 lernen, um die Organisation auf das neue Jahrtausend vorzubereiten?

Die Zukunft der Arbeit ist in der Tat ein Schlüsselthema für die ILO und Kern der Jahrhundertinitiative, die vom ILO Generaldirektor im Vorfeld des Jubiläums 2019 initiiert wurde. Die von Ihnen erwähnten Megatrends werden die heutigen Arbeitsmärkte zutiefst verändern. Aber was bedeutet das für unser Mandat der sozialen Gerechtigkeit? Um den Wandel die vordringlichsten Fragen zur Zukunft der Arbeit besser zu verstehen haben wir rund um den Globus unsere dreigliedrigen Konstituenten konsultiert. Deutschland ist aufgrund der umfassenden und eingehenden Debatte über "Arbeiten 4.0", die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales initiiert wurde, ein bedeutender Fall. Der zweijährige Beratungsprozess setzte den Grundstein für ein Weißbuch, das stimulierende Einsichten bietet. Für mich persönlich ist die wichtigste Take-away-Lesson der deutschen Initiative, dass durch einen konstruktiven und nach vorne gerichteten Dialog die Zukunft im Interesse der Menschen gestaltet werden kann.

Die Diskussionen innerhalb der AG Beschäftigung drehten sich um drei Fragen im Zusammenhang mit der Zukunft der Arbeit: Wie können die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die notwendigen Fähigkeiten erwerben, um sich auf Veränderungen einzustellen? Was sind die Implikationen für die soziale Sicherung? Wie kann man die Qualität der Jobs in der Zukunft sicherstellen?

Wir sind aktuell dabei Antworten auf diese Fragen zu formulieren, damit wir uns als ILO auch zukünftig erfolgreich für soziale Gerechtigkeit einsetzen können. Die Debatte hilft uns besser zu verstehen, was die zentralen Treiber von Veränderung sind. Wir sind bemüht, mehr zu erfahren und werden unser Bestreben fortsetzen, Wissen und Erfahrungen mit den G20, aber auch den übrigen ILO Mitgliedsstaaten, auszutauschen. Zu diesem Zweck soll eine Hochrangige Globale Kommission eingerichtet werden, um für die Arbeitskonferenz 2019 einen Abschlussbericht mit einer Reihe von Empfehlungen vorzubereiten.

Lassen Sie uns einen Ausblick wagen. Argentinien wird 2018 den G20 Vorsitz übernehmen. Welche Mechanismen gibt es, um Kontinuität, Kohärenz und das Einhalten von Vereinbarungen der Gruppe der Zwanzig zu gewährleisten?

Kontinuität, Kohärenz und das Einhalten der Vereinbarungen sind wichtige Grundpfeiler im G20 Prozess. Der G20-Vorsitz rotiert jährlich unter den Mitgliedern. Um Kontinuität und Kohärenz sicher zu stellen, koordiniert eine Troika bestehend aus der vorherigen, gegenwärtigen und zukünftigen Präsidentschaft die Arbeit. Es ist üblich, die in früheren Präsidentschaften eingeleiteten Gespräche aufzugreifen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Brisbane-Ziele, die 2014 unter der australischen Präsidentschaft vereinbart und durch die deutsche Präsidentschaft in diesem Jahr weiterentwickelt wurden. Ein weiteres zentrales Merkmal für die G20 Arbeit ist die Tatsache, dass keine Entscheidung gegen den Willen eines einzelnen Mitglieds getroffen werden kann. Zwar verlangsamt diese Vorgehensweise den Entscheidungsprozess, aber die gute Nachricht ist, dass die beschlossenen Vereinbarungen aufgrund des Konsens in allen G20 Staaten umgesetzt werden können.