Informelle Wirtschaft

ILO-Empfehlung zum Übergang von der informellen zur formellen Wirtschaft zeigt Wege zu mehr Sicherheit

Nach der Annahme der neuen ILO-Empfehlung zum Übergang von der informellen zur formellen Wirtschaft, gibt ILO News einen Überblick auf gute Erfahrungen weltweit, die bei dieser historischen Norm Pate standen.

Nachricht | 23. Juni 2015
Genf (ILO News) - Nach der Annahme der neuen ILO-Empfehlung zum Übergang von der informellen zur formellen Wirtschaft, gibt ILO News einen Überblick über gute Erfahrungen weltweit, die bei dieser wichtigen Norm Pate standen. Denn: Die informelle Wirtschaft umfasst mehr als die Hälfte der globalen Erwerbstätigen, mehr als 90 Prozent der Klein-und Mittelunternehmen, ein Ausmaß, dass die unzählbaren Micro-Unternehmen in Entwicklungsländern noch gar nicht berücksichtigt.

Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit leiden an schlechten Arbeitsbedingungen und fehlenden Rechten in der informellen Wirtschaft. Geringe Qualität der Beschäftigung, unzureichender sozialer Schutz, schlechte Arbeitsregelungen und geringe Produktivität sind einige der Hindernisse, denen sich Arbeiter und Unternehmen ausgesetzt sehen, wenn sie in der Falle der Informalität stecken.

Die neue Arbeitsnorm gibt den Mitgliedsstaaten zum ersten Mal Richtlinien zur Erleichterung des Übergangs von der informellen zur formellen Wirtschaft an die Hand. Dies ist ein wichtiger Schritt.

Die neue ILO-Empfehlung verfolgt drei Ziele:
  • den Übergang von Erwerbstätigen und Wirtschaftseinheiten von der informellen zur formellen Wirtschaft unter Achtung der grundlegenden Rechte der Arbeitnehmer zu erleichtern und dabei gleichzeitig Chancen für Einkommenssicherheit, Existenzgrundlagen und Unternehmertum zu gewährleisten;
  • die Schaffung, die Sicherung und die Nachhaltigkeit von menschenwürdigen Arbeitsplätzen in der formellen Wirtschaft und die Kohärenz der makroökonomischen, Beschäftigungs-, Sozialschutz und sonstigen Sozialpolitiken zu fördern;
  • die Informalisierung von Arbeitsplätzen in der formellen Wirtschaft zu verhindern.
„Jetzt kommt es auf die Umsetzung in der Praxis an, damit kann ein großer Schritt zu qualitativen Verbesserungen für die Betroffenen erreicht werden“, erklärt Azita Berar-Awad, Direktor der ILO-Abteilung für Beschäftigung.

Einige gute Bespiele, die nicht zuletzt die ILO Empfehlung inspiriert haben:
  • Das Forlac-Programm (Programme for the Promotion of Formalization in Latin America and the Caribbean), das vom ILO-Regionalbüro für Lateinamerika und die Karibik ins Leben gerufen wurde, bietet eine Fülle analytischer Arbeiten und evidenzbasierter Empfehlungen und Richtlinien zur Erleichterung des Übergangs von der informellen zur formellen Wirtschaft.
  • In Uruguay arbeiten die Verwaltungen für soziale Sicherheit und die Steuerbehörde zusammen und haben ein vereinfachtes und vereinheitlichtes Steuersystem für kleine Beiträger, Monotax („Monotributo“) aufgelegt. Menschen, denen dieses System zugutekommt, haben Anspruch auf vergleichbare soziale Sicherheit wie Arbeiter in der formellen Wirtschaft.
  • In Brasilien wurde ein nationaler politischer Rahmen zur Bekämpfung der Armut angenommen, ein wichtiger Schritt Richtung formelle Beschäftigung. In den letzten zehn Jahren wurden dreimal mehr Arbeitsplätze in der formellen Wirtschaft als in der informellen Wirtschaft geschaffen. Darüber hinaus waren öffentliche Strategien für schwer erreichbare Gruppe wie Selbständige und Mikro-und Kleinunternehmen wirksam, um ihnen den Übergang in die formelle Wirtschaft zu erleichtern.
  • Zielgerichtete beschäftigungsintensive Investitionen können ebenfalls den Übergang in die Formalität unterstützen. Sehr wirksamen waren Beschäftigungsprogamme, die Südafrika während der globalen Finanzkrise auflegte.
  • Eine innovative Maßnahme zur Förderung der formellen Wirtschaft sind Mikrofinanz-Institutionen. Mikrofinanzkredite, Einlagen und andere Serviceverträge enthalten Elemente der formellen Wirtschaft, ohne so anspruchsvoll wie herkömmliche Bankdienstleistungen zu sein. In Burkina Faso und Indien hat die ILO zusammen mit Mikrofinanzinstitutionen (MFI’s) Pilotinitiativen und die Auswirkung zur Formalisierung getestet.
  •  In den Philippinen wurden nicht nur dringend benötigte Einkommensquellen für die Taifun-Opfer geschaffen, sondern auch Mindestlohn, soziale Sicherheit, Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit garantiert - zusammen genommen zentrale Schritte auf dem Weg zur Formalität und menschenwürdiger Arbeit.
  • Die „Self Employed Women’s Associaton (SEWA) in Indien ist eine erfolgreiche Initiative, um arme Frauen in der informellen Wirtschaft zu organisieren. Als Gewerkschaft, Kooperative und Frauenorganisation, bietet SEWA eine Bandbreite von Dienstleistungen an, wie Weiterbildung, Hilfe zur Gründung einer Genossenschaft, Finanz- und Versicherungsdienste und soziale Sicherung. Das SEWA-Model hat andere Initiativen in Asien, Südafrika und der Türkei angeregt.
Die informelle Wirtschaft in Zahlen
  • In Lateinamerika und der Karibik reicht der Anteil der informellen Beschäftigung in Sektoren ohne Landwirtschaft von 39,8 Prozent in Uruguay bis zu 75,1 Prozent in Bolivien
  • In vielen afrikanischen Ländern übersteigt informelle Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft 50 Prozent, mit Raten von 76,2 Prozent in Tansania und 81,8 Prozent in Mali.
  • Mit 9,3 und 17,8 Prozent zeigen Länder mittleren Einkommens in Afrika, wie Mauritius und Südafrika einen sehr viel niedrigeren Prozentsatz von informeller Beschäftigung.
  • In Nordafrika und dem Mittleren Osten reichen die Zahlen für informelle Beschäftigung von 30 bis 70 Prozent.
  • Süd- und Ostasien haben ebenfalls einen hohen Anteil von Arbeitern in der informellen Wirtschaft. Dies reicht von 42,3 Prozent in Thailand und 83,6 Prozent in Indien. In China erreicht informelle Beschäftigung,nach Schätzungen aus sechs Städten, einen Anteil von 32,6 Prozent.
  • In allen Entwicklungsregionen macht Selbständigkeit einen höheren Anteil der Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft aus als angestellte Beschäftigungsverhältnisse. Fast ein Drittel der weltweiten Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft wird dazu gerechnet.
  • In den meisten Ländern ist der Frauenanteil in informeller Beschäftigung höher als der Männeranteil.
  • Gefährdete Bevölkerungsgruppen, wie Jugendliche, ethnische Minderheiten, Migranten, ältere Menschen und Behinderte sind ebenfalls überproportional in der informellen Wirtschaft vertreten.