Covid-19 Pandemie

COVID-19 verschärft soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten

Die COVID-19-Pandemie verschärft bereits bestehende soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten. Deshalb muss sichergestellt werden, dass die Unterstützung auch diejenige Arbeitnehmerinnen, Arbeiternehmer und Unternehmen erreicht, die sie am meisten benötigen.

Nachricht | 30. März 2020


Genf (ILO News) – In vielen Ländern ist die Einkommensungleichheit seit den 1980er Jahren stark angestiegen, mit negativen sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Die COVID-19-Pandemie macht diese Ungleichheiten jetzt in vielerlei Hinsicht deutlich – von der Infektion mit dem Virus über das Überleben bis hin zur Bewältigung der dramatischen wirtschaftlichen Folgen.

Einige Gruppen, wie Wanderarbeiter und Beschäftigte in der informellen Wirtschaft sind besonders betroffen. Auch Frauen, die die Mehrheit der Beschäftigten im öffentlichen Gesundheitssektor stellen, sind durch ihre Arbeit besonders gefährdet.

Weiterhin erschweren ein hohes Maß an Armut sowie informelle und ungeschützte Arbeitsplätzen die Eindämmung des Virus.
Vor allem Niedriglohnarbeiter, kleine und mittlere Unternehmen, Selbständige und andere gefährdete Personen müssen nun zielgenau unterstützt werden.  

Jeder ist in Gefahr

Während einige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Ansteckungsgefahr durch Telearbeit oder Präventivmaßnahmen verringern können, haben viele diese Möglichkeit nicht:

Weltweit sind zwei Milliarden Arbeitnehmer (61,2 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung der Welt) in informellen Beschäftigungsverhältnissen tätig. Sie sind mit größerer Wahrscheinlichkeit Gesundheits- und Sicherheitsrisiken ausgesetzt, weil es dort besonders an angemessenem Schutz wie z.B. Masken und Handdesinfektionsmitteln fehlt. Viele leben auch in beengten Wohnverhältnissen, manchmal ohne fließendes Wasser. Dadurch sind sie nicht nur höheren Gesundheitsrisiken ausgesetzt, auch Präventivmaßnahmen für die Bevölkerung sind in prekären Wohnverhältnissen weniger wirksam. Krank werden bedeutet, noch ärmer zu werden.

Ungleichheiten spielen auch eine verheerende Rolle, wenn Menschen sich mit dem Virus infizieren.

Für einige bedeutet es, dass sie krankgeschrieben werden, Zugang zu Gesundheitsdiensten haben und weiterhin ein Gehalt erhalten. Aber für Menschen am unteren Ende der Einkommenskette ergibt sich ein katastrophales Szenario. Viele sind nicht krankenversichert und haben ein höheres Sterberisiko. Möglicherweise haben sie nicht einmal Zugang zu Gesundheitsdiensten.

Selbst wenn sie sich letztlich erholen, können sie durch das Fehlen von Einkommensersatzleistungen weiter verarmen. Jedes Jahr fallen schätzungsweise 100 Millionen Menschen aufgrund hoher Gesundheitsausgaben in Armut.  

Das Dilemma "Arbeit oder Verlust des Einkommens"

Regierungen und Zentralbanken haben umfangreiche Maßnahmen zur Rettung von Arbeitsplätzen und Unternehmen sowie zur Einkommenssicherung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ergriffen. Leider profitieren nicht alle von diesen Maßnahmen.

Für die Beschäftigten in der informellen Wirtschaft bedeutet eine durch die Pandemie bedingte Arbeitszeitverkürzung einen Einkommensverlust ohne die Möglichkeit, Arbeitslosenunterstützung zu erhalten.
Auch informelle Kleinst- und Kleinunternehmen, die 80 Prozent der Unternehmen weltweit ausmachen, werden nicht von Hilfsmaßnahmen der Regierungen erreicht.

Teilzeitbeschäftigte, darunter viele Frauen, Zeitarbeitende oder Arbeitnehmende mit Kurzzeitverträgen und in der digitalen Gig-Wirtschaft, haben häufig keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder Einkommensunterstützung.
Viele von ihnen stehen vor dem gleichen "Arbeit oder Einkommensverlust"-Dilemma wie die Beschäftigten der informellen Wirtschaft. Um ihr Essen und andere Grundausgaben zu bezahlen, arbeiten sie oft so lange weiter, bis sie durch Maßnahmen zur Begrenzung der Ansteckung mit dem Virus gezwungen werden, aufzuhören. Dies verstärkt die wirtschaftliche Unsicherheit, der sie bereits ausgesetzt sind.
 

Wir brauchen gerechte umfassen integrative politische Antworten

Bei den Antworten auf die Krise sollte dem Schutz von Haushalten mit niedrigem Einkommen besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dies bedeutet, dass die Einkommenssicherungsmaßnahmen breit genug angelegt sein müssen, um die am stärksten gefährdeten Gruppen und Unternehmen, die sie beschäftigen, zu erfassen.

In Italien beispielsweise wurde die Einkommensunterstützung (80 Prozent des Bruttogehalts) für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Unternehmen mit finanziellen Schwierigkeiten, auf alle Wirtschaftssektoren und auf Unternehmen mit weniger als 15 Beschäftigten, die normalerweise nicht förderfähig sind, ausgeweitet. Pauschale Einkommensentschädigungen werden auch Selbständigen und externen Mitarbeitenden gewährt.

Spanien bietet Einkommensunterstützung für Selbständige, Mitglieder von Genossenschaften und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, deren Beschäftigung vorübergehend ausgesetzt wurde, auch wenn sie normalerweise keine Arbeitslosenunterstützung erhalten würden.

In den Entwicklungsländern komme hohe Zahlen informell Beschäftigter und begrenzte finanzielle Spielräume von Staaten und Unternehmen hinzu. Die Einkommensunterstützung könnte jedoch durch beitragsfreie Systeme der sozialen Sicherheit oder bestehende Geldtransferprogramme ausgeweitet werden. Auch informellen Unternehmen könnte vorübergehend Unterstützung angeboten werden.

Von Patrick Belser, leitender Ökonom der ILO