Care economy

Investitionen verhindern globale Krise in der Pflege - ILO ruft zum Handeln auf

Der neue ILO-Bericht gibt Antworten für den steigenden Pflegebedarf und quantifiziert die Belastung für Frauen.

Nachricht | 28. Juni 2018
Dominic Chavez / World Bank
>Genf (ILO-News) -  Investitionen in die Pflegewirtschaft müssen verdoppelt werden, um die globale Pflegekrise zu verhindern, so das Resümee der ILO im Bericht „Care work and care jobs for the future of decent work“.

Es bedarf grundlegender politische Änderungen, um den steigenden Pflegebedarf zu bewältigen und gleichzeitig zu einer besseren Verteilung der Pflegearbeit zwischen Männern und Frauen zu kommen. Die Zahlen belegen, dass Frauen drei Viertel der unbezahlten Pflegearbeit leisten.

Bei einer Verdoppelung der Investitionen in Bildungs-, Gesundheits- und Sozialarbeit könnten bis zum Jahr 2030 475 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.
2015 benötigten 2,1 Milliarden Menschen Pflege, einschließlich 1,9 Milliarden Kinder unter 15 Jahren und 200 Millionen ältere Menschen. Die Prognosen der ILO zeigen, dass der Pflegebedarf bis  2030 um 200 Millionen älteren Menschen und Kindern auf 2,3 Milliarden anwächst.

Der weltweit hohe Anteil von Kernfamilien und Single-Haushalten und die wachsende Erwerbsbeteiligung von Frauen erhöht die Nachfrage nach Pflegekräften.

Die aktuellen Daten zeigen, dass 16,4 Milliarden Stunden unbezahlter Pflegearbeit stattfinden. Das entspricht zwei  Milliarden Menschen, die jeden Tag acht Stunden ohne Bezahlung arbeiten. Drei Viertel dieser Arbeit erbringen Frauen, das sind dreimal so viel wie die Männer. Auf der Grundlage eines stündlichen Mindestlohns würden neun  Prozent des globalen Bruttosozialprodukts oder 11 Billionen US-Dollar erreicht (in Kaufkraftparität von 2011).

Frauen tragen die Hauptlast der unbezahlten Pflegearbeit

Frauen leisten mit 76,2 Prozent der Gesamtstunden unbezahlter Pflegearbeit mehr als dreimal so viel wie Männer. In einigen Ländern ist der Anteil der Männer, die unbezahlte Pflegearbeit leisten, über die letzten 20 Jahre gestiegen. Die Analyse für 23 Länder zeigt, dass die geschlechtsspezifische Lücke der unbezahlten Pflegearbeit in den letzten zwei Jahrzehnten um nur sieben Minuten pro Tag zurückgegangen ist.

Angesichts dieser Geschwindigkeit wird es 210 Jahre dauern, um die geschlechterspezifische Kluft zu schließen. Diese Entwicklung zeigt ernüchternd die mangelnde Effizienz politischer Maßnahmen.

Unbezahlte Pflegearbeit ist ein Haupthindernis für den Eintritt und Verbleib von Frauen im Erwerbsleben. 606 Millionen Frauen im erwerbsfähigen Alter sehen (2018) in der unbezahlten Pflegearbeit das Haupthindernis für die Erwerbsbeteiligung im Unterschied zu nur 41 Millionen Männern.

Die Daten des  ILO-Gallup Berichts (2017) unterstreichen diesen Befund: Die breite Mehrheit der Frauen weltweit möchte einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Die größte Herausforderung für Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein umfassender Zugang zu Betreuungdienstleistungen.  

Investitionen in  Pflege sind notwendig

Im Ergebnis könnten im Jahr 2030 geschätzte 475 Millionen Arbeitsplätze in der Pflege sein, 269 Millionen mehr als 2015. Dies würde öffentliche und private Ausgaben für Pflegedienstleistungen in Höhe von 18,4 Billionen US-Dollar oder 18,3 Prozent des gesamten projizierten Bruttosozialprodukts bedeuten. Das Investment in Pflege würde zudem dazu beitragen, die nachhaltigen Entwicklungsziele im Bereich Bildung und Gesundheit zu erreichen.

Die Mehrzahl der Beschäftigten in der Pflegewirtschaft sind Frauen, häufig Migrantinnen, die in der informellen Wirtschaft unter schlechten Arbeitsbedingungen und mit geringer Bezahlung arbeiten. Deshalb ist es wichtig, dass Pflegearbeit (gerade unbezahlte) erkannt, vermindert und umverteilt wird. Zentral ist zudem die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen in der Pflege, denn schlechte Arbeitsbedingungen erzeugen auch schlechte Arbeitsqualität. Der Bericht ruft zu umfassenden Veränderungen in der Pflegwirtschaft auf, dies betrifft die makroökonomischen Bedingungen, soziale Sicherheit, Arbeitsmarkt- und Migrationspolitik.

Schlüsselergebnisse des Berichts:

Mütter mit Kindern unter sechs Jahren sind am stärksten betroffen und leiden unter der niedrigen Beschäftigungsquote. Nur 47,6 Prozent von ihnen befinden sich im Erwerbsleben.
  • Menschen, die unbezahlte Pflegearbeit übernehmen, droht eine Zurücksetzung bei der Arbeitsplatzqualität. Insofern ein Kind unter sechs Jahren im Haushalt lebt, verlieren Frauen nahezu eine Stunde bezahlter Arbeit pro Woche. Die Arbeitszeit für Männer hingegen erhöht sich um 18 Minuten pro Woche.
  • Frauen mit Pflegverantwortung sind häufiger selbständig, arbeiten eher in der informellen Wirtschaft und können oftmals keine Beträge für die soziale Sicherheit aufbringen.
  • Einstellungen zur geschlechtsspezifischen Teilung hinsichtlich bezahlter und unbezahlter Arbeit in der Pflege ändern sich merklich. Dennoch bleibt das Model des männlichen Ernährers verbunden mit dem Modell der weiblichen Pflegenden in vielen Gesellschaften prägend
  • Im Jahr 2016 erfüllten lediglich42 Prozent der 184 Länder mit verfügbaren Daten die Mindeststandards des ILO-Übereinkommen 183 zum Mutterschutz.
  • Ebenso hatten 39 Prozent der 184 Länder  keine gesetzlich vorgeschriebenen Vorschriften für Vaterschaftsurlaub (weder bezahlt noch unbezahlt).
  • 2015 nahmen weltweit nur 18,3 Prozent der Eltern Dienstleistungen zur frühkindlichen Erziehung für Kinder unter drei Jahren in Anspruch. Für Kinder zwischen drei und sechs Jahren betrug der Wert knapp 57 Prozent.
  • Dienstleistungen zur Langzeitpflege sind in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas nahezu nicht-existent.