Arbeitsbeziehungen

Weniger Tarifverträge als Folge der globalen Finanzkrise

Laut neuesten ILO-Forschungsergebnissen nimmt die Zahl und die Reichweite von Tarifverträgen seit 2008 global ab. Einige Länder verzeichnen Steigerungen, die meisten sehen aber einen Rückgang der Tarifverhandlungen und -vereinbarungen.

Nachricht | 19. Oktober 2015
Genf (ILO News) – Neueste Zahlen der ILO-Datenbank zu Arbeitsbeziehungen zeigen, dass Tarifverhandlungen und -vereinbarungen in vielen Ländern seit dem Beginn der globalen Finanzkrise 2008 unter Druck geraten sind.

Die neue ILO-Datenbank IRData tool umfasst Indikatoren zur Gewerkschaftsdichte und zur Reichweite von Tarifvereinbarungen in 75 Ländern. Sie wurde zusammen mit der Kurzinformation „Brief highlighting the major trends on collective bargaining“ veröffentlicht.

Demnach variiert die Abdeckung durch Tarifvereinbarungen in den verschiedenen Ländern erheblich, von einem oder zwei Prozent in Äthiopien, Malaysia, den Philippinen und Peru bis zu fast 100 Prozent in Frankreich, Belgien, Österreich und Uruguay.

Auswirkungen der Krise


Zu den Auswirkungen der globalen Finanzkrise auf Tarifverhandlungen und -vereinbarungen untersucht die Analyse eine Auswahl von 48 Ländern und verzeichnet einen durchschnittlichen Rückgang von 4,6 Prozent zwischen 2008 und 2013. Dies wird von einem durchschnittlichen Rückgang der Gewerkschaftsdichte von 2,3 Prozent in derselben Ländergruppe begleitet.

In Ländern mit sinkender Abdeckung durch Tarifvereinbarungen wurde dies hauptsächlich durch die Kündigung von allgemeinen nationalen Vereinbarungen, die abnehmende politische Unterstützung für branchenweite Vereinbarungen sowie durch politische Dezentralisierung verursacht (z.B. gesetzliche Veränderungen, die Vereinbarungen mit Einzelfirmen gegenüber Branchenlösungen präferieren; neu eingeführte gesetzliche Regelungen, die das Aussetzens von Branchenvereinbarungen für Unternehmen in Schwierigkeiten ermöglichen; neue gesetzliche Möglichkeiten zur Anerkennung von nicht-gewerkschaftlich organisierten Verhandlungsvertretern im Unternehmen).

Den stärksten Rückgang (von durchschnittlich 21 Prozent) verzeichneten die Länder, die am schlimmsten durch die Krise betroffen waren, wie Zypern, Griechenland, Irland, Lettland, Portugal und Rumänien.

Während in vielen Ländern ein Rückgang zu verzeichnen ist, gab es zehn Länder, die sich in die andere Richtung bewegten und einen Anstieg der Tarifvereinbarungen verzeichneten. Dies war beispielsweise in Finnland der Fall, wo die Sozialpartner eine allgemeine nationale Vereinbarung unterzeichneten. Ebenso in den Niederlanden, wo Tarifverhandlungen und -vereinbarungen auf neue Wirtschaftszweige ausgeweitet wurden.

Daneben gibt es eine kleine Gruppe von Ländern (Frankreich, Italien, Kanada, Österreich und Belgien), in denen der Umfang von Tarifvereinbarungen stabil blieb. Das sind die Länder, in denen Tarifvereinbarungen ein Schlüsselelement zur Bewältigung der Krise waren, einschließlich Vereinbarungen über „arbeitsplatzsichernde Maßnahmen“.

„Tarifvereinbarungen können eine Schlüsselrolle spielen, wenn es darum geht, Wachstum in sozialen Fortschritt zu übersetzen“, so Philippe Marcadent, Chef der Abteilung für Arbeitsbedingungen und Beschäftigung der ILO.

„Regierungen sollten bei der Förderung von Tarifverhandlungen und sozialem Dialog vorangehen. Dazu gehört die Schaffung von gesetzlichen Rahmenbedingungen, die die Rechte von Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen anerkennen, fördern und garantieren sowie die die gezielte Förderung von Tarifverhandlungen.“

Weitere Themen


Auf welcher Ebene Tarifverhandlungen stattfinden, wird in der Kurzdarstellung ebenfalls untersucht. Demnach bleiben Branchenverhandlungen auf sektoraler oder nationaler Ebene die umfassendste Form der Abdeckung.

Der Grund, warum der Umfang von Tarifverhandlungen und –vereinbarungen in einigen Ländern die Gewerkschaftsdichte übersteigt, liegt in den inklusiven Praktiken von Sozialpartnern begründet, die Tarifvereinbarungen unterzeichnen, die sowohl für gewerkschaftlich, als auch für nicht-gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gelten.

Ein weiterer Grund liegt in der Praxis von Regierungen, Tarifvereinbarungen, die von Repräsentanten einer Branche ausgehandelt wurden, für die gesamte Branche für allgemeinverbindlich zu erklären.

Was sind Kollektivvereinbarungen

  • Kollektivverhandlungen nennt man einen Verhandlungsprozess zwischen unabhängigen Gewerkschaften und Arbeitgebern (oder Arbeitgeberorganisationen). Sie bestimmen die Bedingungen der Beschäftigung, typischerweise Lohn und Arbeitszeit und die Arbeitsbeziehungen der Parteien. Das Ergebnis ist eine Kollektivvereinbarung, die von den Parteien unterzeichnet wird (im obigen Text auf die Situation in Deutschland bezogen auch Tarifverhandlungen bzw. Tarifvereinbarungen)
  • Kollektivverhandlungen ermöglichen Arbeitsschutz für Arbeiter, Gesetzgebung (und Regeln) und Berechenbarkeit für Arbeitgeber. Sie liefern Verwaltungen eine Form der Regulierung, die von den Sozialpartnern bestimmt wird.
  • Die Anwendung der Grundsätze des Vereinigungsrechtes und des Rechtes zu Kollektivverhandlungen, 1949 (Übereinkommen 98) gehört zu den ILO-Kernarbeitsübereinkommen. Weitere ILO-Instrumente sind das Übereinkommen 154 über die Förderung von Kollektivverhandlungen, 1981 und die zugehörige Empfehlung Nr. 163 betreffend die Förderung von Kollektivverhandlungen.