Internationaler Tag der Älteren Menschen

300 Millionen ältere Menschen ohne qualifizierte Pflege

Eine neue ILO-Studie zeigt, dass weltweit 13,6 Millionen Pflegekräfte fehlen und qualifizierte Pflege für mehr als die Hälfte der älteren Menschen nicht gewährleistet werden kann.

Nachricht | 29. September 2015
Alte Frau, die Lasten trägt, Masako, Kinsagani, Demokratsiche RepubliK of Kongo
© Ollivier Girard / CIFOR
Genf (ILO-News) – Mehr als die Hälfte der weltweiten Bevölkerung im Alter von 65 Jahren und älter, das sind 300 Millionen Menschen, sind von dringend benötigter Langzeitpflege (LTC) ausgeschlossen, so der Befund einer neuen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Die ILO-Studie mit dem Titel „LTC protection for older persons: A review of coverage deficits in 46 countries“, die mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung im Alter von 65 Jahren und älter abdeckt, zeigt extreme Defizite im Sozialschutz für ältere Menschen, die Langzeitpflege benötigen, da weltweit 13,6 Millionen Pflegekräfte fehlen.

In Afrika, wo 1,5 Millionen Pflegekräfte fehlen, erhalten mehr als 90 Prozent der älteren Menschen keine Langzeitpflege. Das größte Defizit in absoluten Zahlen besteht in Asien und im pazifischen Raum, wo 8,2 Millionen Pflegekräften fehlen. Das bedeutet, dass 65 Prozent der dort lebenden älteren Menschen keine Pflegedienste erhalten. Um diese Lücken zu füllen, müsste eine hohe Anzahl von Arbeitsplätzen geschaffen werden.

Defizite beim gesetzlichen Anspruch auf Langzeitpflege basierend auf der jeweils nationalen Gesetzgebung 2015 (Gesamtbevölkerung, Prozentzahl):
Quelle: ILO Schätzungen 2015, Weltbank, 2015 (Bevölkerungsdaten  2013)


„Dieser Mangel besteht trotz der Tatsache, dass der höchste Anteil der Pflege - bis zu 80 Prozent - von unbezahlten weiblichen Familienmitgliedern geleistet wird. Ihre Anzahl übersteigt bei weitem die Anzahl der formal angestellten Langzeitpflegkräfte in allen Ländern“, erklärt Xenia Scheil-Adlung, ILO Koordinatorin für Gesundheitspolitik und Autorin der Studie.

Die Lücken schließen

Laut ILO-Experten wird die Situation zusätzlich durch das vollständige Fehlen einer Pflegekomponente in den meisten Sozialen Sicherungssystemen erschwert. Nur 5,6 Prozent der weltweiten Bevölkerung leben in Ländern, die universelle Langzeitpflege bereit stellen.

Während mehr als 48 Prozent der Weltbevölkerung durch keine nationale Gesetzgebung zur Langzeitpflege gesichert werden, sind weitere 46,3 Prozent weitgehend von solchen Systemen aufgrund enger gesetzlicher Regeln, von denen nur die Allerärmsten profitieren, ausgeschlossen. Dies zwingt viele älteren Menschen über 65 Jahre Langzeitpflegekräfte aus eigener Tasche zu zahlen.

Weltweite Schätzungen zum Mangel bei Langzeitpflege: Anteil der Weltbevölkerung, der nicht durch Gestzgebung geschützt ist, 2015
Quelle: ILO Schätzungen 2015, OECD 2011, Weltbank, 2015 (Bevölkerungsdaten für 2013)

"Die beklagenswerte Situation zeigt sich auch in den sehr niedrigen öffentlichen Ausgaben für die Langzeitpflege, die weniger als ein Prozent des Bruttoinlandprodukts im weltweiten Durchschnitt beträgt. Die niedrigsten öffentlichen Ausgaben finden sich in Afrika, wo die Mehrzahl der Länder keinerlei Gelder für Langzeitpflege bereitstellen“, so Xenia Scheil-Adlung.

Selbst in Europa, mit den höchsten Aufwendungen für Pflege, geben die Länder im Schnitt nur zwei Prozent oder weniger ihres Bruttoinlandprodukts für Langezeitpflege aus. Im Ergebnis müssen ältere Menschen in Entwicklungs- und Industrieländern bis zu 100 Prozent der Aufwendungen für Pflege aus eigener Tasche bezahlen.

„Dass die vitalen Interessen älterer Menschen vernachlässigt und unbezahlte weibliche Familienmitglieder ausgebeutet werden, ist das Ergebnis mangelnder Investitionen in Pflege über viele Jahre. Die Lücken zu schließen und universellen Schutz bereitzustellen würde die Rechte und Würde älterer Menschen und ihrer Pflegekräfte achten und Millionen Arbeitsplätze schaffen“, sagte Isabel Ortiz, Direktorin der ILO-Abteilung für Sozialschutz.

Diskriminierung wegen Alters und Geschlechts

Die Vernachlässigung der Langzeitpflege verweist auf das Problem der Altersdiskriminierung. Sie zeigt sich darin, dass ältere Menschen, die Langzeitpflege benötigen, gegenüber Jüngeren, die ähnliche Gesundheitsdienste in Anspruch nehmen, systematisch benachteiligt und ihre Rechte ignoriert werden. Weitere Indikatoren für Altersdiskriminierung sind der eklatante Mangel an Pflegekräften sowie die öffentliche Unterfinanzierung der Pflege.

Altersdiskriminierung zeigt sich auch in der oft irrationalen Angst, dass Langzeitpflege nicht finanzierbar sei – statt die Vorteile von Investitionen in Langzeitpflege für die Schaffung von Arbeit und Wohlstand zu sehen.

Oft wird Altersdiskriminierung nicht als ernstzunehmendes Problem betrachtet, und das, obwohl sie die gleichen sozialen und ökonomischen Auswirkungen hat wie andere Formen der Diskriminierung: Verarmung der Pflegebedürftigen, ihre Vernachlässigung bis hin zu Missbrauch und Gewalt im Pflegeumfeld.

Die Studie schlägt vor, Langzeitpflege prioritär auf die politische Tagesordnung aller Länder zu setzen und fordert:
  • universellen Schutzes in der Langzeitpflege, basierend auf dem grundlegenden Prinzip von nationalem sozialen Basisschutz, wie in der ILO-Empfehlung 202 ausgearbeitet;
  • Finanzierung der Pflege durch nationale Sozialversicherungssysteme oder Steuern und Reduzierung der Finanzierung aus der eigenen Tasche auf ein Minimum;
  • Erhöhung der Anzahl der Pflegekräfte, um qualitätsvolle Dienste für alle bedürftigen Menschen zur Verfügung zu stellen.