Internationaler Tag der Genossenschaften

Erklärung von ILO-Generaldirektor Guy Ryder zum Internationalen Tag der Genossenschaften

Genossenschaften wählen heißt Gleichheit wählen

Nachricht | 4. Juli 2015
Es freut mich, zusammen mit der internationalen Gemeinschaft den Internationalen Tag der Genossenschaften zu feiern. Der Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf dem Thema „Genossenschaften wählen heißt Gleichheit wählen“.

Genossenschaften haben eine lange Tradition in der Förderung von Gleichheit. Genossenschaften gehören ihren Mitgliedern und im Mittelpunkt ihres Handelns steht der Mensch. Ihre Werte „Gleichheit und Fairness“ bedeuten konkret: gleiches Wahlrecht für alle Mitglieder, den Zugang zu allen Produkten und Dienstleistungen der Kooperative sowie gerechte Verteilung der Gewinne. Zusätzlich zur Schaffung eines Unternehmensmodels, das Produktivität und Einkommen schafft, sind Genossenschaften das Geschäftsmodell, um soziale Ungleichheiten, Diskriminierung wegen des Geschlechts, des Alters oder wegen Behinderung, der ethnischen Herkunft oder sexuellen Orientierung wirksam entgegen zu treten.

Auch überrascht es nicht, dass sich Genossenschaften als wirksames Modell zur Schaffung von menschenwürdiger Arbeit für alle erwiesen haben. Die Rolle der Genossenschaften ist in der bald hundertjährigen Geschichte der ILO immer anerkannt worden, was sich auch im ILO-Übereinkommen Nr. 193 über die Förderung der Genossenschaften, 2002, zeigt.

Die auf der Internationalen Arbeitskonferenz 2015 angenommene ILO-Empfehlung 204 zum Übergang von der informellen zur formellen Wirtschaft ruft die Mitgliedsstaaten dazu auf, Genossenschaften und andere Formen des sozialen und solidarischen Wirtschaftens zu fördern und dafür entsprechende politische Rahmen zu schaffen.

Gerade in der Landwirtschaft und der informellen Wirtschaft hilft die genossenschaftliche Organisation der Arbeit besonders Frauen, Jugendliche und Angehörigen indigener Bevölkerungsgruppen ihr Einkommen und ihren Lebensstandard zu verbessern. So in einer kalifornischen Initiative für benachteiligte Frauen, die ihr eigenes Geschäft in der grünen Wirtschaft auf den Weg brachten, einer Möbel produzierenden Kooperative auf den Philippinen, die Menschen mit Behinderungen einstellt, bis zu einer Genossenschaft aus Tansania, die die Bildungskosten für Waisen und gefährdete Kinder mit dem Verkauf ihrer Produkte unterstützt.

Die Zahl arbeitnehmereigener Kooperativen und von Genossenschaften, die von mehreren Stakeholdern getragen werden, wächst rasant. Sie bieten ehemaligen Arbeitnehmern bankrotter Unternehmen, arbeitslosen Jugendlichen und entlassenen Arbeitnehmer des Öffentlichen Dienstes neue Perspektiven und die Aussicht auf eine bessere Zukunft.

In Gemeinschaften mit niedrigem Einkommen tragen Genossenschaften dazu bei, zum Beispiel im Wohnungsmarkt, im Tourismus und bei erneuerbaren Energien, eine gerechtere Verteilung der erwirtschafteten Umsätze zu erreichen. Derzeit untersucht die ILO, wie eine genossenschaftliche Gestaltung von Pflegedienstleistungen das wirtschaftliche Wohlergehen von Pflegepersonal, Pflegeberechtigten und Gemeinschaften insgesamt verbessern kann. Das genossenschaftliche Modell kann technologische, soziale und organisatorische Innovationen voran bringen, indem es Menschen, Wissen, Technologie und Ressourcen zusammenbringt und so dazu beiträgt, die bestehenden Hürden der wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheit zu überwinden.

Die ILO freut sich auf die enge Zusammenarbeit mit genossenschaftlichen Unternehmen, um die genossenschaftlichen Ideale zu fördern und menschenwürdige Arbeit zu ermöglichen. Dies sind gemeinsame Ziele und dokumentiert in der erneuerten Partnerschaftsvereinbarung, die am 30. Juni gemeinsam von der ILO und er Internationalen Allianz der Genossenschaften (ICA) unterzeichnet wurde, sowie in der gemeinsamen Studie zum Thema „Genossenschaften und Geschlechtergleichheit“.

Auf dem Weg zur Verabschiedung der Post-2015 Entwicklungsagenda müssen wir sicherstellen, dass Genossenschaften ihren Platz zur Förderung von sozialer Gerechtigkeit und menschenwürdiger Arbeit für alle finden.