ILO legt eine neue internationale Arbeitsnorm zum Übergang von der informellen in die formelle Wirtschaft vor

Die Internationale Arbeitsorganisation, (ILO) hat eine neue internationale Arbeitsnorm angenommen, die vielen Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern den Übergang von der informellen in die formelle Wirtschaft erleichtern soll.

Nachricht | 12. Juni 2015
Genf (ILO News) – Die Internationale Arbeitsorganisation, (ILO) hat eine neue internationale Arbeitsnorm angenommen, die vielen Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern den Übergang von der informellen in die formelle Wirtschaft erleichtern soll.

Nach Schätzungen sind mehr als die Hälfte der weltweit Erwerbstätigen in der informellen Wirtschaft beschäftigt. Informelle Wirtschaft ist gekennzeichnet durch unzureichendes oder nicht vorhandenes Arbeitsrecht, mangelhafte Chancen auf eine qualitativ gute Beschäftigung, unzulänglichen sozialen Schutz, niedrige Produktivität und fehlenden sozialen Dialog. Dies hat nicht nur verheerende Auswirkungen für die Individuen, sondern wirkt sich auch nachteilig auf die Entwicklung von nachhaltigen Unternehmen aus.

Die neue Empfehlung berücksichtigt, dass die meisten Menschen ihre Arbeit in der informellen Wirtschaft nicht freiwillig aufnehmen, sondern als Folge mangelnder Möglichkeiten in der formellen Wirtschaft oder wegen Fehlens anderer Existenzgrundlagen.

Es handelt sich um die erste internationale Arbeitsnorm, die darauf abzielt, den Übergang von der informellen zur formellen Wirtschaft zu erleichtern. Sie wurde mit 484 Stimmen angenommen und erhielt große Unterstützung der ILO-Konstituenten von Regierungen, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen.

Die neue Arbeitsnorm enthält außerdem Strategien und praktische Richtlinien für Maßnahmen, die den Übergang von der informellen zur formellen Wirtschaft erleichtern.
Die Abstimmung der Internationalen Arbeitskonferenz wird als wichtiger Schritt gesehen, um Länder bei den notwendigen Maßnahmen zu unterstützen, menschenwürdige Arbeitsplätze und nachhaltige Unternehmen in der formalen Wirtschaft zu schaffen.

„Über die Jahre hat sich ein wachsender Konsens zwischen Regierungen, Arbeitgebern und Gewerkschaften entwickelt. Es besteht Einigkeit, Menschen aus der informellen Wirtschaft in ein formales Beschäftigungsverhältnis zu bringen. Wir wissen, dass dies nicht einfach ist, wir wissen, dass diese Prozesse kompliziert und langwierig sind. Der große Wert der Empfehlung ist, dass wir jetzt ein internationales Rahmenwerk als Richtlinie haben, um Mitgliedsstaaten zu helfen, dies auf den Weg zu bringen,“ sagte ILO-Generaldirektor Guy Ryder. „Es ist nicht einfach die Annahme einer Empfehlung, sondern ihre Umsetzung in die Praxis ist der große Schritt hin zu qualitativen Verbesserungen für die Betroffenen,“ fügte Guy Ryder hinzu.




Die Empfehlung hat große Bedeutung für die Bereiche inklusive Entwicklung, Armutsreduzierung, Abbau von Ungleichheit und im Zusammenhang mit der neuen Post-2015 Entwicklungsagenda mit Schwerpunkt auf dem Ziel „Menschenwürdige Arbeit für alle“.

Die Empfehlung bietet den Mitgliedern Orientierungshilfe für:
  • den Übergang von Erwerbstätigen und Wirtschaftseinheiten von der informellen zur formellen Wirtschaft unter Achtung der grundlegenden Rechte der Arbeitnehmer und dabei gleichzeitig Chancen für Einkommenssicherheit, Existenzgrundlagen und Unternehmertum zu gewährleisten;
  • die Schaffung, die Sicherung und die Nachhaltigkeit von menschenwürdigen Arbeitsplätzen in der formellen Wirtschaft und die Kohärenz der makroökonomischen, Beschäftigungs-, Sozialschutz und sonstigen Sozialpolitiken zu fördern;
  • die Informalisierung von Arbeitsplätzen in der formellen Wirtschaft zu verhindern.

Die Empfehlung gibt einen Handlungsrahmen in Form von 12 maßgeblichen Prinzipien. Die positiven Erfahrungen und „Best practices“ der Mitgliedsländer haben die Empfehlung geformt, sie berücksichtigt nationale Besonderheiten und bietet zahlreiche Ansätze, bleibt aber universell anwendbar.

Das Ausmaß der Informalität


Die Annahme der Empfehlung bedeutet eine historische Entscheidung für die Welt der Arbeit, da sie dem Wunsch vieler Länder nachkommt, den Übergang zur formellen Wirtschaft zu gestalten. Sie enthält konkrete Richtlinien über die zahlreichen Möglichkeiten, menschenwürdige Arbeit zu verwirklichen und dabei die grundlegenden Rechte und Pflichten bei der Arbeit zu respektieren, umzusetzen und zu fördern.

„Die neue Empfehlung ist ein wichtiger Schritt aus der Schattenwirtschaft. Sie wird dazu beitragen, den Übergang von der informellen Wirtschaft zu erleichtern, vor allem in Entwicklungsländern. Noch wichtiger ist, dass sie den Übergang vieler Millionen Arbeiter aus informellen Arbeitsverhältnissen erleichtern kann, Beschäftigung in der formalen Wirtschaft fördert und die Informalisierung von Arbeitsplätzen verhindert,“ sagte Virgil Seafield, Vorsitzender des Ausschusses für den Übergang von der informellen zur formellen Wirtschaft und Direktor der Berufsgenossenschaft im südafrikanischen Arbeitsministerium.

Abhängig von der Entwicklungsregion sind zwischen 45 und 90 Prozent der Arbeiter in der informellen Wirtschaft beschäftigt. In kleinen und mittleren Unternehmen mit 10-250 Beschäftigten, arbeiten mehr als 90 Prozent in der Informalität.

Der Anteil der Frauen in informeller Beschäftigung ist in den meisten Ländern höher als der der Männer. Andere gefährdete Gruppen wie Jugendliche, ethnische Minderheiten, Migranten und ältere Menschen sowie Behinderte sind überproportional in der informellen Wirtschaft beschäftigt.

Die Annahme der Empfehlung erfolgte zum Abschluss der 104. Tagung der Internationalen Arbeitskonferenz, wo Regierungen, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerdelegierte Schlüsselthemen der Welt der Arbeit voran bringen und gemeinsam bearbeiten.

Der Ausdruck „informelle Wirtschaft“ im Sinne dieser Empfehlung bezieht sich auf alle Wirtschaftstätigkeiten von Erwerbstätigen und Wirtschaftseinheiten, die in Gesetz oder Praxis nicht oder unzureichend durch formelle Regelungen erfasst werden; umfasst keine unerlaubten Tätigkeiten, insbesondere die Erbringung von Dienstleistungen oder die Herstellung, den Verkauf oder den Besitz von Waren, die gesetzlich verboten sind, einschließlich der unerlaubten Herstellung von Drogen und des unerlaubten Handels mit ihnen, der unerlaubten Herstellung von Schusswaffen und des unerlaubten Handels mit ihnen, des Menschenhandels und der Geldwäsche, wie in den einschlägigen internationalen Verträgen definiert.