Soziale Sicherheit

Fast die Hälfte der älteren Menschen weltweit hat keine angemessene Altersversorung

Neuer ILO-Bericht zeigt, dass zwar 52 Prozent der Älteren eine Rente erhalten, häufig reicht diese aber für den Lebensunterhalt nicht aus. Durch Sparmassnahmen verschlechtert sich die Situation.

Feature | 31. Oktober 2014
Fast die Hälfte – 48 Prozent aller Personen weltweit, die über dem Pensionsalter liegen, erhalten keine Altersversorgung und für viele der 52 Prozent, die eine Versorgung erhalten, ist diese nicht ausreichend, so der ILO-Bericht.

Im Ergebnis hat die Mehrheit der älteren Frauen und Männer weltweit keine Einkommenssicherheit, und kein Recht auf Ruhestand. Sie müssen so lange weiterarbeiten, wie sie können, oftmals schlecht bezahlt und unter prekären Bedingungen.

Die ILO-Veröffentlichung „Social Protection for older persons: Key policy trends and statistics“ zeigt, dass in den letzten Jahren viele Länder im mittleren und unteren Einkommensbereich, durch einen Mix von beitrags- und nicht beitragsfinanzierten und steuerfinanzierten Systemen die Abdeckung ihrer Bevölkerung mit einer Altersversorgung zügig vorangebracht haben.

Der Bericht analysiert Altersversorgungssysteme in 178 Ländern. Mehr als 45 Länder erreichen 90 Prozent Abdeckung und mehr als 20 Entwicklungsländer weisen fast eine Gesamtabdeckung der Altersvorsorge vor.

„Viele Entwicklungsländer weiten ihre Pensionssysteme stark aus - ein sehr positiver Trend“, sagte Isabel Ortiz, Direktorin der ILO-Abteilung für Soziale Sicherheit. „Aber genauso wichtig wie die Ausweitung der Systeme, ist es, eine Altersversorgung in angemessener Form bereitzustellen. Ältere Frauen und Männer haben ein Recht auf Ruhestand in Würde, ohne der Armut anheimzufallen. Dies ist weltweit ein Thema.

In nur einer Dekade wurden bemerkenswerte Zuwächse bei der Altersversorgung in Ländern wie China, Lesotho, Thailand, Timor-Leste und Tunesien erreicht, mit einer Bandbreite der Abdeckung von ungefähr 20 Prozent auf mehr als 70 Prozent der Bevölkerung. Steuerfinanzierte Systeme spielen eine bedeutende Rolle bei der Ausweitung von Renten, da sie ein grundlegendes Schutzniveau für diejenigen darstellt, die kein beitragsfinanziertes Alterseinkommen erhalten.


Auswirkungen von Sparprogrammen


Der Bericht legt dar, dass die vom Jahr 2010 bis jetzt angewandte Sparpolitik zu geringerer sozialer Sicherheit bei älteren Personen geführt hat. Anpassungsmaßnahmen schließen Einsparungen bei Gesundheitsdiensten und anderen Dienstleistungen ein. Auch Rentenreformen, wie Anheben des Renteneintrittsalters, verringerte Renten und steigende Beiträge tragen dazu bei.

„Diese Anpassungen unterhöhlen die Angemessenheit von Renten und Wohlfahrtssystemen und nehmen ihnen die Möglichkeit, Armut im Alter zu verhindern“, so Ortiz. Die langfristigen Verpflichtungen der Sparpolitik brauchen eine Weile, um sich bemerkbar zu machen. Geringe Haushaltseinkommen führen zu reduziertem Inlandskonsum und dies verlangsamt die wirtschaftliche Erholung. Es ist alarmierend, dass die zukünftigen Rentner in wenigsten 14 europäischen Ländern bis zum Jahr 2015 niedrigere Renten erhalten werden“, so Isabel Ortiz.


Soziale Sicherheit als Wachstumsstrategie


Isabel Ortiz erklärte, dass die positiven Auswirkungen von sozialer Sicherheit auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung, zum Beispiel die Steigerung der Konsumausgaben und die Förderung eines umfassenden Wirtschaftswachstums, das Thema an auf einen der vordersten Plätze der Entwicklungsagenda gebracht hat. Viele Länder des mittleren Einkommensbereichs dehnen soziale Sicherheit als Teil ihrer Strategie zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums aus.

Öffentliche soziale Sicherungssysteme mit starkem sozialem Basisschutz sind unabdingbar für die wirtschaftliche Erholung,
Isabel Ortiz - ILO

„China hat zum Beispiel fast eine Gesamtabdeckung der Altersversorgung und steigende Löhne erreicht“, so Isabel Ortiz.

Einige Länder, wie Argentinien, Bolivien, Chile, Ungarn, Kasachstan und Polen kehren der in den 1980er und 90er Jahren vorgenommene Privatisierung des Rentensystems den Rücken, da diese zu teuer war und den Kreis der Anspruchsberechtigten nicht erweitern konnte. Die teilweise oder vollständige Renationalisierung der Rentensysteme zielt darauf ab, die fiskalischen Kosten zu senken, und die Rentenabdeckung und die Einkommenssicherheit der älteren Menschen zu verbessern.

Öffentliche soziale Sicherungssysteme mit starkem sozialem Basisschutz sind unabdingbar für die wirtschaftliche Erholung, umfassende Entwicklung und soziale Gerechtigkeit. Daher müssen sie ein integraler Bestandteil der Entwicklungsagenda nach 2015 sein. Soziale Sicherheit im Alter ist ein Menschenrecht, niedergelegt in internationalen Arbeitsstandards und hat in wirtschaftlicher Hinsicht seine Berechtigung.

Die ILO fördert Politiken und stellt Hilfen für Mitgliedsstaaten zur Verfügung, um ein angemessenes Niveau der sozialen Sicherheit für alle Mitglieder der Gesellschaft, einschließlich der Älteren, auszubauen.
ILO-Empfehlung 202 zum innerstaatlichen sozialen Basisschutz, 2012 folgt den Prinzipien der Universalität, der Nicht-Diskriminierung und Gleichstellung der Geschlechter und wurde von 185 Ländern angenommen und durch die G20-Staaten in den Vereinten Nationen bekräftigt.




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Sources: World Social Protection Report 2014/15, Annex IV, table B.9