Hintergrund: Die Herausforderungen der Arbeit von morgen

Die globale Arbeitswelt steht vor großen Veränderungen. Technologischer Fortschritt und weltweite Vernetzung beschleunigen das Arbeiten und stellen neue Anforderungen an die Gestaltung fairer Beschäftigungsverhältnisse. In einem weltweiten Dialogprozess stellt die ILO gemeinsam mit ihren Mitgliedstaaten Regeln für die Arbeit von morgen auf.

Artikel | 16. Dezember 2016
Seit es die ILO gibt, nunmehr fast 100 Jahre, unterliegt unsere Arbeit stetigem Wandel. Doch die Umwälzungen, die für die Zukunft vorausgesagt werden, sind gewaltig: Globalisierung, Digitalisierung und technologischer Fortschritt, aber auch Klimawandel, globale Ungleichheiten und Bevölkerungswachstum sind die großen Themen, die die Zukunft der Arbeit bestimmen. Vor welchen Herausforderungen die Weltgemeinschaft dabei steht und wie sich die ILO diesen stellt, darauf will sie mit der „Future of Work Centenary Initiative“ Antworten geben – einer von insgesamt sieben Initiativen anlässlich des anstehenden ILO-Jubiläums 2019, mit denen die ILO die Arbeitswelt von morgen mitgestalten will. Im Fokus stehen vor allem zwei Fragen: Wie sehen die Beschäftigungsverhältnisse der Zukunft aus? Und: Braucht es einen neuen Sozialvertrag zum Ausgleich der gesellschaftlichen Interessen?

Bei der Beschäftigung wird zunehmend sichtbar, dass das lange Zeit dominierende Modell der unbefristeten, abhängigen Vollzeitbeschäftigung erodiert und stattdessen atypische Beschäftigungsverhältnisse zunehmen. Dazu gehören zum Beispiel Zeit- und Leiharbeit, Kettenverträge, Teilzeit, Arbeit auf Abruf oder Scheinselbstständigkeit. Was für Unternehmen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei durchaus einen Gewinn an Flexibilität bedeuten kann, ist jedoch oft verbunden mit schlechteren Arbeitsbedingungen, niedrigerer Entlohnung und geringerer sozialer Absicherung. Vor allem Frauen, junge Menschen und Migrantinnen und Migranten finden sich in atypischen Arbeitsverhältnissen wieder.

Ein „dritter Weg“ der Beschäftigung?

Dass sozioökonomische und technologische Entwicklungen auch die Beschäftigungsverhältnisse verändern, kennen wir aus der Vergangenheit, etwa beim Wandel von der agrarischen zur industriellen Produktion und später zur Dienstleistungsgesellschaft. Durch die massiven Entwicklungsschübe im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie spüren wir die nächste Veränderungswelle: Die anhaltende globale Vernetzung löst nationale Grenzen auf und ermöglicht es, Arbeitskräfte als „Crowdworker“ über Onlineplattformen und mobile Apps weltweit nach Bedarf zu akquirieren.

Diese „On-Demand Economy“, wie sie die ILO zur Zukunft der Arbeit nachzeichnet, zwingt die Frage auf: Braucht es eine neue Beschäftigtenkategorie, einen dritten Weg zwischen Angestelltenverhältnis und Selbstständigkeit? Beispiele in der Taxibranche zeigen, dass mit dem „unabhängigen Arbeiter“ eine neue Beschäftigungsform entstanden ist: Zwar übernehmen die Taxi-Fahrer die klassische Tätigkeit, jedoch werden ihnen ihre Kunden via App vermittelt und sie genießen nicht die herkömmlichen Rechte und Vorzüge eines Angestellten. Übertragbare Leistungen („Portable Benefits“) könnten hier eine Lösung für die Zukunft sein. Die den Beschäftigten zustehenden Leistungen wären dabei nicht mehr an das Unternehmen geknüpft, sondern an die Person, sodass sie bei einem Jobwechsel erhalten blieben. Ein Kernproblem der Crowdworker lösen sie jedoch nicht: die durchschnittlich deutlich niedrigeren Einkommen.

Den Sozialvertrag weiterentwickeln

Welchen Weg die Beschäftigung von morgen nehmen wird, hängt zudem damit zusammen, wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Rechte geltend machen können. Der massive Wandel der Arbeitswelt hat vielerorts das Potenzial, den sozialen Frieden zu gefährden. Die Symptome zeigen sich schon jetzt: unsicherere Beschäftigungsverhältnisse, weniger gewerkschaftliche Bindung und die Verlagerung von Tätigkeiten in den informellen Sektor sowie die wachsende Ungleichverteilung von Vermögen. Vor diesem Hintergrund führt die ILO eine intensive Debatte über die Weiterentwicklung und Erneuerung des Sozialvertrags: Wie lassen sich Arbeitnehmerrechte bündeln, wenn immer mehr Beschäftigte in neuen Arbeitsformen tätig sind? Wie können Unternehmen dazu beitragen, dass auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Gewinnen profitieren und nachhaltig gewirtschaftet wird? Und welche Handlungsmöglichkeiten haben Regierungen in einer globalisierten Welt?

ILO initiiert weltweiten Dialog für gemeinsame Lösungen

Um all diese Aspekte einer sich verändernden Arbeitswelt zu verstehen und darauf reagieren zu können, hat die ILO mit den „Centenary Conversations“ einen globalen Dialog gestartet. Das Ziel: Alle ILO-Mitgliedstaaten sollen sich auf eine Roadmap einigen. Bereits 136 Länder haben nationale Dialoge angestoßen – in Deutschland das Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit der Initiative „Arbeiten 4.0“. Besonders weit ist Europa: 43 von 51 Staaten haben eigene Dialoge begonnen, in Asien und dem pazifischen Raum sind es 30, in Afrika 14. Die thematischen Schwerpunkte sind dabei unterschiedlich gesetzt, abgestimmt auf die spezifischen Arbeitsmarktsituationen der Regionen. So liegt der Fokus in Lateinamerika zum Beispiel auf Wissenstransfer und Produktivitätssteigerungen von Arbeitsprozessen, in den arabischen Staaten auf technischem Fortschritt und möglichen Szenarien, in denen Öl nicht mehr der Haupttreiber der Wirtschaft ist, in Afrika auf Gleichberechtigung und dem Erreichen einer höheren Erwerbstätigkeit Jugendlicher.

Das Beispiel Afrika lässt dabei erahnen, wie komplex ein Dialog ist, an dessen Ende sich alle Mitgliedstaaten einigen sollen. Eine einheitliche Definition von Arbeit zu entwickeln ist gerade Teil des Dialogprozesses. „Arbeit“ kann in Ländern und Regionen eine unterschiedliche Bedeutung haben. Diese Diversität muss berücksichtigt werden, ebenso die Wechselwirkungen zwischen den Ländern, wenn etwa der technologische Wandel in einem Industriestaat Auswirkungen auf die Verlagerung anderer Arbeiten in Entwicklungs- und Schwellenländer hat.

Mit ihrer Initiative unterstreicht die ILO ihren Anspruch, menschenwürdige Arbeit heute und in Zukunft mitzugestalten. Mit dem globalen Dialog sind erste wichtige Schritte unternommen, um Antworten auf die Herausforderungen von morgen zu finden. 2017 wird eine „High Level Global Commission“ die Ergebnisse der nationalen Dialoge auswerten und 2018 Handlungsempfehlungen an die Mitgliedstaaten formulieren. 2019 sollen diese in einer „Centenary Declaration“ münden.