ILO Köpfe: Interview mit Stephan Ulrich / SCORE

Warum es Stephan Ulrich begeistert, wenn sich ein indonesisches Mikrounternehmen für Werkzeugteile zu einem mittelständischen Teilehersteller mausert und wie SCORE hilft, scheinbar ganz einfache Dinge zu sortieren und Menschen vor Arbeitsunfällen zu schützen, zeigt das folgende Interview.

Artikel | 16. September 2016

Globale Lieferketten, das sind oft undurchsichtige und komplexe Verbindungen. Wer trägt Verantwortung für eine faire Produktion?

Die Verantwortung tragen mehrere Akteure: Die Verbraucher, die politische Ebene und natürlich die Unternehmen, Auftraggeber wie Auftragnehmer. Als Verbraucher nutzen wir jeden Tag hunderte Produkte, die in globalen Lieferketten gefertigt werden; da habe ich durchaus die Verantwortung, mich zu informieren woher die Produkte kommen und unter welchen Bedingungen produziert wird. Allerdings gibt es Grenzen: Globale Lieferketten sind so komplex geworden, dass es selbst mit langwierigen Nachforschungen unmöglich ist, die Fertigungsketten vieler Produkte nachzuvollziehen. Wir, als ILO, stärken Regierungen und Sozialpartner in Entwicklungsländern, um existierende nationale und internationale Arbeitsstandards besser durchzusetzen. In vielen Ländern mangelt es jedoch nicht an Gesetzen, sondern an ihrer Umsetzung. Hier schließt das Programm SCORE mit einem Unterstützungsangebot ganz praktisch an.

Das ILO-Programm SCORE richtet sich an kleine und mittelständische Unternehmen mit Trainings und Schulungen. Warum nehmen Sie diese Gruppe in den Fokus?

Sobald KMU anfangen zu exportieren, kann man einen riesigen Sprung in den Fähigkeiten des Unternehmens feststellen. Experten sprechen von einem „learning-by-exporting“-Effekt. Der Kontakt mit dem Weltmarkt eröffnet – positiv formuliert – die Möglichkeit von Veränderungen, z.B. weil der Auftraggeber eine „saubere Produktion“ bei seinem Zulieferer sehen will. Gute Arbeitsbedingungen und die Erfüllung von Sozialstandards in der Fertigungskette sind für viele Unternehmen, ob Auftraggeber oder Zulieferer, ein wichtiges Kriterium für Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Handel. Das Interesse an Verbesserungen ist also vorhanden. Es gibt Anfragen aus den Ländern und den Firmen selbst, die um Hilfe bitten. Aber auch Großunternehmen, die Verbesserungspotenzial bei ihren Zulieferfirmen sehen, melden sich, um Abhilfe zu schaffen.

Was erwartet die teilnehmenden Firmen?

Die Schulungen werden in Zusammenarbeit mit lokalen Wirtschaftsverbänden sowie ausgebildeten Trainern angeboten und finden vor Ort in der jeweiligen Fabrik statt. Sie enthalten fünf Module, die jeweils zwei Tage Training umfassen. Der erste Schritt und „Pflichtteil“ ist unser erstes von fünf Modulen: „Zusammenarbeit am Arbeitsplatz“. Hier werden, wo nötig, grundsätzliche Strukturen eingeführt. Dabei regen wir die Gründung eines Betriebsrates an oder, wenn das nicht möglich ist, ein Gremium aus Führungskräften und Arbeitnehmern. Denn alles, was an Problemanalyse folgt, sollte diese zwei Perspektiven berücksichtigen. Gemeinsam wird dann erarbeitet, wo Schwächen in der Firma liegen. Themen sind: Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, Produktivität durch saubere Produktionsmethoden, Qualitätsmanagement, Personalpolitik. Im Anschluss an die Schulungen unterstützen Experten vor Ort, häufig Industrieingenieure, die Umsetzung.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ja, in Indien nehmen zum Beispiel gerade Zulieferer der indischen Niederlassung des deutschen Pumpenherstellers „KSB“ am Modul „Produktivität durch saubere Produktionsmethoden“ teil. Zunächst wurden formelle und informelle Strukturen geschaffen, in denen sich die Angestellten äußern können. Die „Arbeitsplatzorganisation“ in den Fabriken spielt dort nun eine entscheidende Rolle. Fragen, die momentan geklärt werden, sind: Stehen alle Maschinen an einem sicheren Ort, funktionieren sie, haben alle Angestellten einen Platz zum Arbeiten, haben sie die nötigen Werkzeuge, sind diese intakt und wie werden sie gelagert? Ferner wurde eine morgendliche Produktionsbesprechung einberufen: Sind alle Mitarbeiter anwesend und was ist das Tagesziel in der Produktion? Erstmals werden Kennzahlen für die Messung des Produktionsergebnisses eingeführt. Auch wird die Infrastruktur für die Angestellten überprüft und aufgebaut: Gibt es Sanitärräume und einen Pausenraum? Diese scheinbar banalen Änderungen schützen Menschen ganz konkret vor Unfällen und verbessern die Arbeitsbedingungen enorm.

Was war Ihr bislang größter Erfolg?

Ich denke gerne an ein Unternehmen aus Indonesien zurück, das durch unsere Schulung zu substanziellen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gekommen und dabei kräftig gewachsen ist. Die Firma stellte Ersatzteile für Autowerkstätten her. Hier war es der Auftraggeber, ein großer Automobilhersteller, und damit quasi der Kontakt mit der Lieferkette, der Druck auf seinen Zulieferer in puncto Arbeitsbedingungen ausübte. Ich war vor Ort und die Zustände in der Fabrik waren nicht gut: Die Arbeitnehmenden saßen auf dem Boden der Fabrik, die teilweise sehr dunkel war, wurden schlecht bezahlt, der Arbeitsschutz war mangelhaft, die Produktion chaotisch. Mit unserer Schulung traten richtig schnell Verbesserungen ein: Die Führungskräfte zeigten Engagement, die Fabrik zog um und wuchs innerhalb von 2 Jahren zu einem mittelständischen Betrieb, von 50 auf 250 Mitarbeitende. Mittlerweile produziert das Unternehmen nicht mehr Ersatzteile, sondern ganze Autoteile für ihren Auftraggeber. Mein Fazit: Der Ansatz, Organisationsstrukturen unter die Lupe zu nehmen, hat sich für die Beschäftigten und die Firma ausgezahlt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Seit einigen Jahren erst interessieren sich auch große Konzerne für das Programm und setzen es zur Förderung ihrer Zulieferer ein. Mehr als 30 Großunternehmen haben in den letzten drei Jahren Zulieferer zum SCORE-Training geschickt, darunter bekannte Unternehmen wie COOP, Inditex, Gap, Pentland und das deutsche Handelsunternehmen Metro. In den nächsten Monaten werden wir das Programm weiter anpassen, um es noch interessanter für Großunternehmen zu machen. Wir hoffen, dass wir weitere Großunternehmen, speziell in Deutschland, als Partner gewinnen können. Zudem ist toll zu beobachten, wie sich das Projekt verselbstständigt und wir als Impulsgeber zurücktreten können: In einigen Ländern gibt es Tendenzen, dass genug Know-how vor Ort ausgebildet wurde und auch die finanziellen Mittel da sind, um das Programm unabhängig von der ILO weiterzuführen und weiterzutragen.

Zur Person: Stephan Ulrich ist KMU-Spezialist für das Programm SCORE mit Sitz in Genf und seit zehn Jahren bei der ILO beschäftigt. Zuständig ist er für das Herzstück des Programms, die Qualitätssicherung im Training. Um zu sehen, wie die Arbeit der Partner und Fachkräfte vor Ort läuft, reist er alle zwei Monate in die betreffende Region.