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Genf - Einer neuen Studie des Internationalen Arbeitsamtes (ILO) zufolge, lebt die Hälfte der Beschäftigten weltweit - rund 1,4 Milliarden Menschen - mit ihren Familien unter der Armutsgrenze von zwei US-Dollar pro Tag. Allerdings könnten eine höhere Arbeitsproduktivität und die Schaffung von menschenwürdigen Arbeitsplätzen hier Abhilfe schaffen. Der Weltbeschäftigungsbericht der ILO für 2004-2005* sieht in einer Wirtschaftspolitik, die auf die Schaffung menschenwürdiger und produktiver Beschäftigungsmöglichkeiten zielt, den Schlüssel im Kampf gegen die weltweite Armut. Eine solche Wirtschaftspolitik ist entscheidend, will man die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen für das neue Jahrtausend erreichen.
"Menschen in aller Welt warten auf eine faire Chance, menschenwürdige Arbeit zu finden", betont der Generaldirektor der ILO Juan Somavia. "Mehr und bessere Arbeitsplätze sollten im Zentrum des weltweiten Kampfes gegen Armut stehen". Dem Bericht zufolge sind die 185,9 Millionen Menschen, die im Jahre 2003 arbeitslos waren, nur die "Spitze des Eisbergs", denn mehr als siebenmal so viele Personen haben zwar Arbeit, müssen aber trotzdem mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen.
Weltweit waren 2003 rund 2,8 Milliarden Menschen beschäftigt, mehr als je zuvor. Von diesen musste jedoch die Rekordzahl von fast 1,4 Milliarden von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, wobei rund 550 Millionen arbeitende Menschen sogar unter der Armutsgrenze von einem Dollar pro Tag leben.
Es gibt jedoch auch Lichtblicke. Der Bericht zeigt, dass der Prozentsatz der Erwerbstätigen, die mit ihrer Familie unter der Armutsgrenze von zwei US-Dollar bzw. einem US-Dollar pro Tag liegen, heute niedriger ist als 1990. Ausserdem könnte sich, bei Realisierung des prognostizierten globalen Wirtschaftswachstums, die Zahl der über weniger als einen Dollar pro Tag verfügenden "arbeitenden Armen" (working poor) in einigen Weltregionen bis zum Jahr 2015 halbieren.
Der Generaldirektor der ILO, Juan Somavia, sieht in menschenwürdigen und produktiven Beschäftigungsmöglichkeiten sowie einem fairen Globalisierungsprozess den Ausgangspunkt für die Armutsbekämpfung.
"Nicht nur der Mangel an Arbeit, sondern ihre geringe Produktivität ist die eigentliche Ursache der Armut", betont Somavia. "Produktivitätswachstum ist zweifelsohne der Motor des Wirtschaftswachstums. Werden jedoch nicht gleichzeitig menschenwürdige Arbeitsplätze geschaffen, haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer keine Chance den Weg aus der Armut zu finden". Mit seiner Analyse der Verknüpfungen zwischen Beschäftigung, Produktivität und Armutsbekämpfung begeht der Weltbeschäftigungsbericht 2004-2005 neue Wege.
Dem Bericht zufolge, machen sich Produktivitätsgewinne zunächst auf Unternehmensebene in Form von geringeren Produktionskosten, höheren Gewinnen und mehr Wettbewerbsfähigkeit bemerkbar, können dann aber auch den Beschäftigten in Form von höherem Verdienst und kürzerer Arbeitszeit zugute kommen. Schließlich profitiert die Gesamtwirtschaft durch niedrigere Preise, steigenden Konsum und höhere Beschäftigung.
Die Wirklichkeit, so der Bericht, ist allerdings häufig sehr komplex: Hinter Durchschnittswerten verbergen sich oft erhebliche Verschiebungen bei Beschäftigung und Einkommen. Produktivitätsgewinne führen oft zur Schrumpfung bestimmter Wirtschaftszweige und zu Beschäftigungsgewinnen in anderen. Angesichts des sich wandelnden Arbeitsmarktes sollten die zuständigen Institutionen den Beschäftigten Sicherheit und Fortbildungsmöglichkeiten bieten.
"Wir müssen neue dynamische Wirtschaftszweige ebenso ins Auge fassen wie die Bereiche, in denen die Mehrzahl der Beschäftigten tätig ist", meint der Bericht, der auf die Bedeutung des wachsenden Dienstleistungssektors verweist. Dieser Sektor weist sowohl Produktivitäts- als auch Beschäftigungsgewinne für Arbeitnehmer mit hohen und niedrigen Qualifikationen auf. Wichtig sind dem Bericht zufolge auch Verbesserungen in der informellen Wirtschaft, in der die meisten Menschen in den Entwicklungsländern leben.
Der Bericht appelliert an die Politik, Produktions- und Einkommensverbesserungen in der Landwirtschaft zu forcieren, da 40 Prozent der Beschäftigten in Entwicklungsländern in diesem Bereich tätig sind und 20 Prozent der Gesamtproduktion in diesen Ländern in diesem Sektor erwirtschaftet werden.
Der Bericht hebt die Bedeutung von Beschäftigungsstabilität hervor, da sie zum Produktivitätswachstum beiträgt. Beschäftigungsstabilität ist dabei nicht mit fehlender Mobilität der Arbeitskräfte gleichzusetzen, da Arbeitsplatz und Anforderungen sich für die gleiche Person innerhalb eines Unternehmens ändern können. Flexibilität einerseits und der Schutz der Arbeitnehmer andererseits müssen dabei in gleicher Weise berücksichtigt werden.
Der Weltbeschäftigungsbericht empfiehlt auch politische Maßnahmen zur besseren Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen, um diese besser in die Gesamtwirtschaft einzubinden und die Produktivitätsunterschiede zwischen kleinen und mittelgrossen Betrieben und Großunternehmen zu verringern. Unternehmen kleiner und mittlerer Grösse tragen wesentlich zur Gesamtbeschäftigung in Industrie- und Entwicklungsländern bei, sie können allerdings nur wenig zur Armutsbekämpfung beitragen, wenn ihre Produktivität gering ist.
Zukünftige Trends
Der neue Bericht der ILO befasst sich auch mit der Frage, ob es gelingen kann, den Anteil der arbeitenden Menschen, die in Armut leben zu halbieren und so entscheidend zur Erreichung eines Entwicklungszieles der Vereinten Nationen für das neue Jahrtausend (die Halbierung des Anteils der Menschen, die weltweit in extremer Armut leben) beizutragen, und kommt zu folgenden Schlussfolgerungen:
Die Analyse der Entwicklung der Arbeitsproduktivität, des Arbeitsmarktes und der Zahl der "working poor" zeigt, dass die Regionen, denen es gelungen ist, die Produktivität langfristig zu steigern und gleichzeitig neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen, auch eher in der Lage sein dürften, die Zahl der Armen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen, bis 2015 zu halbieren.
Tatsächlich bestehen realistische Chancen, den Anteil der "arbeitenden Armen" an der weltweit arbeitenden Bevölkerung bis zum Jahr 2015 zu halbieren, da die hierfür geschätzte weltweite jährliche Wirtschaftswachstumsrate bei lediglich 4,7 Prozent liegen müsste. Dies ist weniger als das zwischen 1995 und 2005 geschätzte Wachstum von 5 Prozent. Diese globale Projektion ist allerdings stark von der erfolgreichen Wirtschaftsentwicklung in China, Südostasien und Südasien geprägt. Die Reformländer sowie der Nahe Osten und Nordafrika dürften das Ziel ebenfalls erreichen. Die Regionen Lateinamerikas und die Karibik werden es hingegen nicht schaffen und das südlich der Sahara gelegene Afrika ist weit von diesem Ziel entfernt.
Die Chancen, die Zahl der arbeitenden Armen mit weniger als zwei US-Dollar am Tag zu halbieren, stehen weniger gut. Allein in Ostasien bestehen realistische Aussichten, während in allen anderen Regionen die Wirtschaftswachstumsraten erheblich steigen müssten, um dies zu erreichen.
Der Anteil der Arbeitnehmer, deren Einkommen unter der Armutgrenze von zwei US-Dollar am Tag liegt, ging von 57,2 Prozent im Jahre 1990 auf 49,7 Prozent im Jahre 2003 zurück; bis 2015 könnte er auf rund 40 Prozent fallen.
Der Bericht verweist auf den immensen und andauernden Mangel an menschenwürdiger Arbeit weltweit und sieht darin eine "gewaltige Herausforderung für die Armutbekämpfung".
World Employment Report 2004-2005, Employment, productivity and poverty reduction. ILO, Genf 2004. ISBN 9221148130, 257 Seiten, , 38,50 Euro.
Weitere Informationen erhalten Sie auf der Webseite für die Medien: http://kilm.ilo.org/press/wer2004/. Username:WER2004, Password: Press
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