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Weltweit wird jedes sechste Kind zwischen fünf und 17 Jahren durch die verschiedenen Formen von Kinderarbeit ausgebeutet, so die Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahre 2002. Viele dieser Kinder sind gezwungen, ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel zu setzen; dies ist eine schwere Hypothek für ihre Zukunft als produktive Erwachsene.
Ein Mehr an Information hat das öffentliche Bewußtsein für die Schwere dieses Problems verstärkt und der Entwicklung und Finanzierung von Programmen und Politikansätzen, um Kinder aus diesen Beschäftigungsverhältnissen herauszuholen, neuen Nachdruck verliehen.. Dieses Wissen hat aber auch neue Fragen über die Kosten aufgeworfen, die entstehen, wenn Kinder aus solchen Beschäftigungsverhältnissen herausgeholt werden, ihnen Zugang zu Bildung verschafft wird und damit zu einer menschenwürdigen Kindheit verholfen werden soll. Gleichzeitig fragen die politischen Entscheidungsträger auch, in welchem Ausmaß sich die tatsächliche Abschaffung der Kinderarbeit in bezug auf die nationale Entwicklung und Armutsverringerung auszahlen wird und wie die Kinder und deren Familien davon profitieren werden.
Die neue ILO Studie "Investing in Every child, An Economic Study of the Costs and Benefits of Eliminating Child Labour" (In jedes Kind investieren - Eine ökonomische Studie über die Kosten und den Nutzen der Beseitigung der Kinderarbeit, deutsche Zusammenfassung), durchgeführt im Rahmen des IPEC-Programms der ILO (International Programme for the Elimination of Child Labour, Internationales Programm zur Beseitigung der Kinderarbeit), kommt zum Ergebnis, dass Kinderarbeit beseitigt und bis zum Jahre 2020 durch Bildung für Alle ersetzt werden kann - dies zu einem geschätzten Kostenvolumen von 760 Milliarden US-Dollar.
"Eine gute Sozialpolitik ist gleichzeitig auch eine gute Wirtschaftspolitik. Die Beseitigung von Kinderarbeit wird eine enorme Rendite dieser Investitionen abwerfen und nicht zu beziffernde Auswirkungen auf das Leben der Kinder und deren Familien mit sich bringen", so die Bewertung von ILO Generaldirektor Juan Somavia.
Die Untersuchung ist die erste integrierte Kosten-/Nutzenanalyse der Beseitigung der Kinderarbeit weltweit. Sie vergleicht Kosten und Nutzen - nicht zur Rechtfertigung von Aktionen zur Beseitigung der Kinderarbeit, wie dies bereits in den ILO-Übereinkommen 138 und 182 gefordert wird, sondern mit dem Ziel, die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen dieser internationalen Verpflichtung zu verstehen.
Die ILO schätzt, dass ca. 246 Millionen Kinder weltweit in Kinderarbeit involviert sind. Von diesen sind 179 Millionen Kinder, dies entspricht jedem achten Kind weltweit, den schlimmsten Formen der Kinderarbeit ausgesetzt, d.h. Tätigkeiten, welche das körperliche, sittliche oder seelische Wohl von Kindern gefährden.
Die ILO/IPEC Studie verwendet ein auf Entwicklungs- und Übergangsländer weltweit zugeschnittenes Modell und kommt zum Ergebnis, dass, global betrachtet der ökonomische Nutzen des Kampfs gegen die Kinderarbeit die Kosten im Verhältnis 6,7:1 übersteigt. Dabei würden alle Regionen weltweit große Nettogewinne aus der Beseitigung der Kinderarbeit realisieren, allerdings würden einige davon mehr profitieren als andere. In Nordafrika und im Mittleren Osten beispielsweise läge das Nutzen und Kostenverhältnis bei 8,4:1, wohingegen das Verhältnis in Afrika südlich der Sahara am niedrigsten wäre (5,2:1). In Asien betrüge die Relation 7,2:1, in den Übergangsländern 5,9:1 und in Lateinamerika 5,3:1. Der globale ökonomische Nettoertrag dieses hypothetischen Aktionsprogrammes würde sich auf 22,2 Prozent des jährlichen Bruttoinlandproduktes belaufen.
Kosten- und Nutzenrechnung
Die Abschaffung der Kinderarbeit wäre - laut dieser Studie - eine generationenbezogene Investition und ein nachhaltiger Einsatz für Kinder von heute und in der Zukunft. In den ersten Jahren würden die Kosten freilich fast mit Sicherheit die Erträge übersteigen. Jedoch würden die wirtschaftlichen Nettoerträge sich dramatisch ins Positive bewegen, sobald die Effekte verbesserter Ausbildung und Gesundheit greifen. Bis zum Jahr 2020 würden die Kosten bei weitem durch die Erträge von ungefähr 60 Milliarden US-Dollar jährlich aufgewogen.
Die Studie verdeutlicht, dass die Kosten eine "weise Investition" sind, weil sich jedes weitere Jahr des allgmeinbildenden Schulbesuchs über das 14. Lebensjahr hinaus niederschlägt in einem zukünftigen Jahresverdienst von zusätzlich elf Prozent - dies entspräche einem Ertrag von global mehr als fünf Billionen US-Dollar. Auf der Kostenseite beläuft sich die Versorgung mit Bildung auf fast zwei-Drittel der Gesamtkosten.
Die Ernte der ökonomischen Früchte größerer Bildunganstrengungen hängt von der Fähigkeit eines Landes ab, neue Arbeitsplätze zu schaffen, die Potentiale des höheren Niveaus des Humankapitals zu erschließen und eine Politik des ökonomischen Wachstums zu entwickeln, gibt die Studie zu. Schon wenn der Effekt von Bildung auf zukünftige Verdienste auf fünf Prozent halbiert würde, beliefe sich der globale Nutzen auf noch mehr als zwei Billionen US-Dollar.
Die in die Studie einbezogenen Haushalte sehen sich mit einer weiteren Kostenbelastung konfrontiert. Die fortschreitende Abschaffung der Kinderarbeit über die nächsten zwanzig Jahre entzieht Familien den ökonomischen Wert der Arbeit ihrer Kinder. Die Studie schätzt, dass sich der Beitrag eines Kindes zum Familieneinkommen auf ca. 20 Prozent eines Erwachsenen beläuft und, wenn Kinderarbeit abgeschafft ist, diese globalen Opportunitätskosten, die von den Haushalten aufgebracht werden müssten, bei 246,8 Milliarden US-Dollar liegen würden.
Um dies zu berücksichtigen, bezieht die Studie die Kosten eines globalen Programms zur Einkommensunterstützung für arme Haushalte mit ein, wodurch diese in die Lage versetzt werden, ihre Kinder zur Schule zu schicken. In Anlehnung an das erfolgreiche Modell der brasilianischen "Bolsa Ecola", wird dazu eine Formel verwendet, wonach 60 bis 80 Prozent des Durchnschnittswertes der Kinderarbeit pro Kind im Schulalter an arme Haushalte transferiert werden.
Die Studie legt auch dar, dass Verbesserungen der Kindergesundheit durch Abschaffung der Kinderarbeit greifbaren ökonomischen Nutzen bringen. Global wird dieser Nutzen auf 28 Milliarden US-Dollar geschätzt. Im Vergleich zu anderen Nutzen ist dieser Betrag klein. Allerdings ist die Gesundheit von Kindern in vielfacher Hinsicht, ungeachtet ökonomischer Betrachtungen, unabdingbar, so die Studie.
Der Bericht enthält einen umfangreichen Datenteil einschließlich detaillierter Länderdaten aus Brasilien, Senegal, Kenia, Tansania, der Ukraine, Pakistan, Nepal und den Philippinen. Eine zweite Datenreihe besteht aus 24 zusätzlichen Ländern, für die Haushaltsbefragungen hauptsächlich durch das ILO-IPEC-Programm und die Weltbank während der letzten zehn Jahre durchgeführt wurden. Für die restlichen Länder nutzte die Studie die öffentlich zugänglichen Daten aus dem Bereichen Demographie, Ökonomie und Bildung für Hochrechnungen auf der Basis vollständigerer Informationen.
Nationale und regionale Programme zur Abschaffung von Kinderarbeit sind mit Hilfe von IPEC aufgeblüht, das mit sechs teilnehmenden Ländern und Deutschland als einzigem Geberland im Jahr 1992 begann. Mittlerweile erstrecken sich die Maßnahmen, die von 30 Geberländern finanziert werden, auf 80 Länder.
(Deutsche Arbeitsübersetzung der ILO-Pressemitteilung vom 03.02.2004 - leicht gekürzt)
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