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Davos, 25.1.2006 Auf der Tagesordnung des Weltwirtschaftsforums in Davos steht in diesem Jahr ein neues Thema: die Schaffung von Arbeitsplätzen. Wir von der International Labour Organisation (ILO) begrüßen dies, denn wir befürchten, dass die Welt in eine globale Beschäftigungskrise noch nie da gewesenen Ausmaßes schlittert.
Die Dimensionen dieser Krise lassen sich an folgenden Tatsachen ablesen:
- Die Hälfte aller Arbeitnehmer auf der Welt rund 1,4 Milliarden Menschen sind so genannte Working Poor, also Beschäftigte, deren Verdienst nicht für die Sicherung des Existenzminimums ausreicht. Sie und ihre Familien müssen mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Oftmals arbeiten sie im informellen Sektor, auf dem Land oder auf den Straßen der großen Städte, ohne jegliche soziale Absicherung oder Krankenversicherung.
- Mehr Menschen als je zuvor sind arbeitslos, und ihre Zahl steigt weiter. In den vergangenen zehn Jahren ist die offizielle Arbeitslosenquote um mehr als 25 Prozent gestiegen. Fast 192 Millionen Menschen auf der Welt, rund sechs Prozent aller Erwerbspersonen, haben keine Arbeit. Die ILO schätzt, dass 86 Millionen, als die Hälfte von ihnen, Jugendliche im Alter zwischen 15 und 24 Jahren sind.
- Wenn Menschen in ihrer Heimatregion oder ihrem Land keine Arbeit finden können, suchen sie sie notgedrungen anderswo. Im gegenwärtigen Umfeld aber ist Arbeitsmigration oft genug eine Ursache für politische und soziale Spannungen von Menschenhandel und ähnlichen Aktivitäten ganz zu schweigen.
Ist denn das Wirtschaftswachstum auf der Welt nicht ausreichend, fragt man sich da, und löst ausreichendes Wachstum nicht die Beschäftigungskrise? Die Antwort lautet: nein. Trotz einer ansehnlichen Wachstumsrate von 4,3 Prozent im Jahr 2005, durch die sich das weltweite Sozialprodukt um rund 2,5 Billionen US-Dollar erhöhte, entstanden nicht genügend neue Arbeitsplätze, um die neu auf den Arbeitsmarkt drängenden Menschen aufzunehmen. Die Weltwirtschaft müsste Jahr für Jahr 40 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen, um mit der wachsenden Zahl der Arbeitssuchenden mitzuhalten.
Wirtschaftswachstum allein ist einfach nicht genug, um genügend Jobs zu schaffen. Und erst recht sind die gegenwärtigen Wachstumsraten nicht ausreichend, um das Arbeitsplatzdefizit auszugleichen und die Armut zu mindern. Unglücklicherweise funktionieren die beschäftigungspolitischen Instrumente, die uns derzeit zur Verfügung stehen, in vielen Ländern nicht.
Die Beschäftigungskrise zieht immer mehr Aufmerksamkeit auf sich. Politiker sehen sich zunehmend mit der Forderung nach menschenwürdiger Beschäftigung konfrontiert. Bei so gut allen demokratischen Wahlen weltweit steht dieses Thema im Mittelpunkt. Und trotzdem ist es der Politik allzu oft nicht möglich, den Forderungen nach menschenwürdiger Arbeit zu entsprechen nach einer Arbeit, die nicht nur den Lebensunterhalt sichert, sondern auch die Würde und Selbstachtung jedes Arbeitnehmers respektiert und die Stabilität von Familien gewährleistet.
Die globale Beschäftigungskrise hat weit greifende politische Folgen:
- In vielen Ländern macht sich aufgrund hoher Arbeitslosigkeit Enttäuschung breit, dass Demokratie nicht automatisch die wirtschaftliche Situation verbessert. Dies wiederum kann zur Bedrohung für die demokratischen Institutionen werden.
- Wahlen werden gewonnen mit dem Versprechen, mehr und bessere Jobs zu schaffen. Aber wenn die Versprechen nicht eingehalten werden können, leidet die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Parteien darunter was populistischen oder autoritären Strömungen Aufschwung geben kann.
- Der Widerstand gegen durchaus sinnvolle ökonomische Reformen wächst, da viele Menschen das Gefühl haben, Verlierer der Globalisierung zu sein.
- Protektionistische Tendenzen sind auf dem Vormarsch.
- Forderungen nach stärkerer Begrenzung der Migration mit fremdenfeindlichem Unterton werden lauter.
- Die Arbeitsplatzunsicherheit, die viele mit der Globalisierung in Zusammenhang bringen, wächst und führt selbst in der Mittelschicht zu einer Erosion des Sicherheitsgefühls. Die neue Konkurrenz durch Länder wie China und Indien mag zwar zu einer neuen Wirtschaftsdynamik führen, aber eben auch zu mehr Unsicherheit.
Selbst die Wirtschaft zahlt einen hohen Preis für den Mangel an menschenwürdiger Arbeit, nicht nur in Bezug auf die Unternehmensgewinne, sondern auch auf die öffentliche Akzeptanz der Unternehmen. Sie geraten zunehmend in die Kritik für an sich vollkommen normale Geschäftsentscheidungen wie Outsourcing, Produktionsverlagerungen oder Auslandsinvestitionen. Umfragen zeigen, dass vor allem in benachteiligten gesellschaftlichen Gruppen transnationale Konzerne, aber auch die Marktwirtschaft an sich immer negativer bewertet werden.
Immer mehr Menschen fragen, ob Regierungen, Unternehmen, ja ob die Demokratie als solche noch im Stande sind, die notwendigen Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Es ist jedoch möglich, diese Krise anzugehen. Hier sind fünf Schritte auf dem Weg zu einer Lösung der Krise:
Erstens brauchen wir einen Paradigmenwechsel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, der die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze in den Mittelpunkt der nationalen und internationalen Politik rückt. Wir müssen mehr Gewicht legen auf makroökonomische Stabilisierung, auf die Formalisierung bislang informeller Beschäftigungsstrukturen, auf die Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit, auf soziale Absicherung, und wir müssen die unternehmerischen Energien der Arbeitnehmer im informellen Sektor bündeln.
Zweitens ist und bleibt die Förderung von Wirtschaftswachstum ein notwendiges Mittel für wirtschaftliche Entwicklung und Arbeitsplatzschaffung. Die Schwächung des Zusammenhangs zwischen Wachstum und der Entstehung von Arbeitsplätzen muss dabei jedoch berücksichtigt werden. Wir dürfen daher nicht einfach nur jedwede Art von Wachstum fördern, sondern müssen uns auf beschäftigungsintensives und nachhaltiges Wachstum konzentrieren. Wir müssen uns dabei nicht nur um die Weltwirtschaft, sondern auch die lokale Wirtschaft kümmern. Menschenwürdige Arbeitsplätze sind das fehlende Glied zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Armutsbekämpfung. Doch kann es dabei keine Einheitspolitik geben, die für alle Länder und Situationen angemessen ist. Die beste Politik kann im Einzelfall nur durch sozialen Dialog bestimmt werden.
Drittens müssen Wettbewerbsfähigkeit und Unternehmensgründungen gefördert werden. Gerade mittelständische Unternehmen sind der Schlüssel zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Ohne die Förderung von unternehmerischen Aktivitäten, von Innovation und Produktivität kann keine Politik zur Schaffung menschenwürdiger Arbeit erfolgreich sein. Dies setzt ein positives Klima für Investitionen - gerade auch in Humankapital - voraus.
Viertens ist die Qualifikation der Arbeitnehmerschaft in einer immer stärker globalisierten Wirtschaft entscheidend, und zwar nicht nur für den Einzelnen als Voraussetzung, einen Job zu finden, sondern auch für die Volkswirtschaften als Ganze. Wir brauchen eine gewaltige Bildungsinitiative. Dies setzt die Bereitschaft von Regierungen, Unternehmen und Individuen voraus, in schulische und berufliche Aus- und Fortbildung zu investieren. Eine Konzentration auf junge Menschen ist notwendig. Wenn die weltweite Jugendarbeitslosenquote halbiert würde, könnte das globale Sozialprodukt um mindestens 2,2 Billionen US-Dollar gesteigert werden.
Fünftens müssen Regierungen, Unternehmen, Gewerkschaften und internationale Organisationen an einem Strang ziehen, um den Herausforderungen zu begegnen. Keiner der Akteure kann die Probleme alleine lösen. Wir brauchen eine bessere internationale Steuerung und Koordination.
Die globale Beschäftigungskrise ist eines der größten Sicherheitsrisiken, mit denen wir uns konfrontiert sehen. Wenn wir weitermachen wie bisher, besteht die Gefahr von immer mehr Protektionismus und Konfrontation zwischen den Staaten dieser Welt. Ohne ausreichende Beschäftigungschancen, Investitionen und Konsum droht sich der Gesellschaftsvertrag aufzulösen, der den demokratischen Gesellschaften zu Grunde liegt nämlich dass alle Mitglieder der Gesellschaft am Fortschritt partizipieren. Für viele Menschen symbolisiert der Mangel an menschenwürdigen Arbeitsplätzen das Fehlen eines ethischen Kompasses in der Politik.
Es ist daher an der Zeit, dass sich die internationale Gemeinschaft an ihre Verpflichtung erinnert, soziale Integration und die Schaffung von Arbeit zu gewährleisten als Grundlage für Armutsbekämpfung und die Wahrung der Kernarbeitsrechte. Es ist an der Zeit, gemeinsam diese Verpflichtungen einzulösen. Ohne dies wird sich die globale Beschäftigungskrise nicht lösen lassen.
Der Kurzbericht, "Global Employment Trends", der auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellt wurde, und auf den sich Juan Somavia bezieht, ist im Internet verfügbar.
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