Menschenwürdige Arbeit als Grundlage für soziale Gerechtigkeit

Es ist an der Zeit, dass wir eine neue Epoche sozialer Gerechtigkeit schaffen, die auf menschenwürdiger Arbeit aufgebaut ist. Die Ereignisse in der arabischen Welt haben die innersten Bedürfnisse der Menschen ans Licht der Weltöffentlichkeit gebracht: der Wunsch nach einem menschenwürdigen Leben und einer menschenwürdigen Zukunft, die auf sozialer Gerechtigkeit aufbauen, so ILO-Generaldirektor Juan Somavia zum Welttag für soziale Gerechtigkeit.

News | 18 February 2011

Menschenwürdige Arbeit als Grundlage für soziale Gerechtigkeit

ILO-Generaldirektor Juan Somavia zum Welttag für soziale Gerechtigkeit

Genf, 18.2.2011 – Es ist an der Zeit, dass wir eine neue Epoche sozialer Gerechtigkeit schaffen, die auf menschenwürdiger Arbeit aufgebaut ist. Die jüngsten Ereignisse, die die meisten von uns auf den Fernsehschirmen verfolgten, haben die innersten Bedürfnisse der Menschen ans Licht der Weltöffentlichkeit gebracht: der Wunsch nach einem menschenwürdigen Leben und einer menschenwürdigen Zukunft, die auf sozialer Gerechtigkeit aufbauen.

Die schon seit langem erkennbaren Verwerfungen in der Weltwirtschaft brechen derzeit auf und legen Unsicherheiten und Verwundbarkeiten und das Gefühl, ausgeschlossen und unterdrückt zu sein, offen. Hinzu kommt der Mangel an wirtschaftlichen Chancen und Arbeitsplätzen. Die globalen Krise hat diese Probleme noch verschärft.

Frauen und Männer ohne Arbeit und Einkommen interessiert es wahrlich nicht, ob ihre Wirtschaft um 3,5 oder 10 Prozent pro Jahr wächst, wenn sie von diesem Wachstum nicht profitieren und weiter unter ungeschützten Verhältnissen leben. Sie interessieren sich jedoch sehr wohl dafür, ob ihre Regierungen sich für Arbeitsplätze und Gerechtigkeit einsetzen, für Brot und Würde, für pragmatische Lösungen und für die Freiheit, ihre Bedürfnisse, Hoffnungen und Träume zu artikulieren.

Die Erfahrungen zeigen, dass Menschen ihre Gesellschaft, die Wirtschaft und die Politik danach bewerten, wie die Lage auf den Arbeitsmärkten ist. Für sie ist entscheidend, ob sie eine menschenwürdige und auskömmliche Beschäftigung haben und was passiert, wenn sie keine Arbeit haben oder arbeitsunfähig sind. Die Qualität der Arbeitswelt bestimmt in vielerlei Hinsicht die Qualität der Gesellschaft.

Doch die Welt der Arbeit befindet sich in einem schlimmen Zustand: Weltweit sind mehr als 200 Millionen Menschen arbeitslos, darunter fast 80 Millionen junger Menschen – ein Rekordstand. Überdies stehen 1,5 Milliarden Menschen in ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen, und 630 Millionen Beschäftigte müssen mit ihren Familien mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen.

Gleichzeitig nimmt die globale Ungleichheit zu. Durch die Krise haben sich die Lohnzuwächse halbiert und die Aufstiegschancen sind geschrumpft, sodass immer mehr Menschen in schlecht bezahlten Jobs gefangen sind. Die Einkommensschere geht in vielen Ländern weiter auf. Jugendlich sehen sich mit der Aussicht konfrontiert, niemals einen menschenwürdigen Arbeitsplatz zu finden. Es droht eine „verlorene Generation“ zu entstehen. Selbst die Mittelschicht sieht sich mit Stagnation oder gar mit sozialem Abstieg konfrontiert.

Um zu einer fairen Globalisierung zu gelangen, brauchen wir eine neue Vision für Gesellschaft und Wirtschaft. Dies setzt ein ausgewogenes Verständnis der jeweiligen Rollen des Staates und der Märkte ebenso wie der Möglichketen und Grenzen des individuellen Handelns. Die Politik muss über eine bloße Rückkehr zum Wachstum hinausgehen. Wir werden keinen Weg aus der Krise finden mit der gleichen Politik, die zur Krise geführt hat.

Wir müssen auf eine neue Epoche der sozialen Gerechtigkeit hinarbeiten. Was die Welt der Arbeit anbelangt, sind die nächsten Schritte klar:

Erstens, den ersten Grundsatz der Erklärung von Philadelphia wieder ins Bewusstsein rücken: Arbeit ist keine Ware. Die Politik muss auf Solidarität, Würde und Freiheit basieren. Arbeit darf nicht als bloßer Kostenfaktor in der Produktion betrachtet werden. Sie ist vielmehr die Quelle persönlicher Würde, stabiler Familien und Frieden in den Gemeinwesen.

Zweitens, die Schaffung von Beschäftigung ins Zentrum der Wirtschaftspolitik rücken, neben Zielen wie Preisstabilität und ausgeglichenen Haushalten.

Drittens, nachhaltigen sozialen Schutz auch für die 80 Prozent der Weltbevölkerung bereitzustellen, die derzeit keinerlei Sozialversicherung genießen. Die Schaffung einer sozialen Grundsicherung für alle ist der erste Schritt dahin.

Viertes, die grundlegenden Rechte bei der Arbeit und die Rolle des sozialen Dialogs anerkennen – nicht nur, weil es sich dabei um Menschenrechte handelt, sondern auch weil dadurch die Produktivität und eine ausgeglichene Entwicklung gefördert werden.

Fünftens, Investitionen und Investoren in kleinen Unternehmen, arbeitsintensiven Branchen fördern ebenso wie Bildung und Integration.

Die Beispiele Tunesiens und Ägyptens zeigen, dass die Forderungen nach Arbeitsplätzen und Gerechtigkeit, Brot und Würde, sozialem Schutz und Demokratie sowie nach nationaler und globaler Sicherheit alle miteinander zusammenhängen. Die künftigen Entwicklungen werden sehr stark davon abhängen, inwieweit diese Zusammenhänge erkannt werden und sich die Politik danach richtet.

Menschenwürdige Arbeit stellt die Verbindung zwischen all diesen Punkten dar. „Der Weltfriede kann auf Dauer nur auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut werden“ – die mahnenden Worte der ILO-Verfassung von 1919 gelten bis heute.

Es ist wahrlich Zeit für eine Epoche der sozialen Gerechtigkeit auf der Grundlage von menschenwürdiger Arbeit.