Globale Lieferketten und CSR

60 Prozent des weltweiten Handels findet in globalen Lieferketten statt. Laut Erhebungen der ILO arbeiten mehr als 450 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in globalen Lieferketten, oft unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die Anzahl der Beschäftigten stieg im Zeitraum von 1995 und 2013 zudem um mehr als 50 Prozent an.

Die ILO engagiert sich umfassend für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen weltweit. Eine wichtige Komponente ist die Stärkung der rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen, national wie international. Auf der 105. Internationalen Arbeitskonferenz der ILO im Juni 2016 verabschiedeten die Mitgliedstaaten die Entschließung über menschenwürdige Arbeit in globalen Lieferketten. Aktuell werden in dreigliedrigen Expertengremien die zentralen Punkte konkretisiert. Die G20 haben sich das Thema ebenfalls auf ihre Fahnen geschrieben. Die ILO berät die führenden Industrie- und Schwellenländer regelmäßg in diesem Prozess.

Hier finden Sie weitere Hintergrundinformationen zum Thema.

Welche Standards existieren zur Einhaltung menschenwürdiger Arbeit in globalen Lieferketten?

Es gibt eine Vielzahl von Standards, Zertifikaten und Richtlinien zur Einhaltung guter Arbeitsbedingungen in globlen Lieferketten. Ein wesentlicher Unterschied besteht im Verbindlichkeitsgrad verschiedener Standards: von freiwilligen Corporate Social Responsibility (CSR) Initiativen bis hin zu den ILO Kernarbeitsnormen, die den Rang von Menschenrechten haben. Für die ILO ist die freiwillige Selbstkontrolle eine wichtige Ergänzung zu den rechtlich-verbindlichen Standards, kann diese aber nicht ersetzen.

Hier ein Überblick der wichtigsten Standards:
  1. Das normative Grundgerüst der ILO sind die Kernarbeitsnormen. In der 1998 ILO-Erklärung über grundlegende Rechte bei der Arbeit wurden insgesamt acht ILO Übereinkommen politisch aufgewertet. Sie besitzen als Menschenrechte für alle 187 ILO Mitgliedstaaten universelle Gültigkeit, unabhängig davon ob die Übereinkommen ratifiziert wurden oder nicht.
Folgende vier Grundprinzipien sind darin geregelt und bestimmen Selbstverständnis und Handeln der ILO:
- Vereinigungsfreiheit und Recht auf Kollektivverhandlungen
- Beseitigung der Zwangsarbeit
- Abschaffung der Kinderarbeit
- Verbot der Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf 
  1. Die Dreigliedrige Grundsatzerklärung über multinationale Unternehmen und Sozialpolitik (MNE Declaration) enthält konkrete Richtlinien für Regierungen, Sozialpartner und Unternehmen zu den Bereichen Beschäftigung, Ausbildung, Arbeits- und Lebensbedingungen und Arbeitsbeziehungen. Die Erklärung wurde nach ihrer Verabschiedung 1977, in den Jahren 2000, 2006 und zuletzt im März 2017 überarbeitet und an die Gegebenheiten der Arbeitswelt angepasst. Im Gegensatz zu Übereinkommen können ILO Erklärungen nicht durch Ratifikation unmittelbar in nationales Recht übertragen werden, gleichwohl bildet die MNE Declaration eine zentrale Richtschnur für die Arbeitsbedingungen in einer globalisierten Weltwirtschaft.
  2. Darüber hinaus gibt es zentrale Leitlinien, auf die sich die internationale Gemeinschaft geeinigt hat. Diese haben zwar ebenfalls nicht den Verbindlichkeitsgrad von ILO Übereinkommen, sind jedoch von besonderer Bedeutung, da zentrale Akteure in die Ausarbeitung involviert waren und die Prinzipien damit auf einem breiten Konsens beruhen. So finden sich beispielsweise immer wieder Verweise auf das Normengefüge der ILO.
- UN Principles on Business and Human Rights: Diese 2011 durch den UN Menschenrechtsrat verabschiedeten Leitlinien sind für viele Länder maßgeblich in Bezug auf faire Bedingungen beim Wirtschaften und wurden vielerorts in nationales Recht übertragen. Die Bundesregierung einigte sich beispielsweise Ende 2016 auf denNationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte. Diesem war ein umfassender Konsultationsprozess mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft vorangegangen.
- UN Global Compact: die Vereinten Nationen haben gemeinsam mit dem Privatsektor zehn Prinzipien für die Einhaltung von wichtigen Normen im Bereich Menschenrechte, Arbeitsschutz, Umwelt und guter Regierungsführung festgelegt. Bis heute sind knapp 10,000 Unternehmen dem Bündnis beigetreten.
- OECD Guidelines for Multinational Enterprises: Die von der OECD erarbeiteten Richtlinien enthalten ebenfalls einen Katalog für verantwortungsvolle Unternehmensführung in globalen Lieferketten. Seit 2011 liegt das Augenmerk auf dem Prinzip der Sorgfaltspflicht (due diligence). Vor diesem Hintergrund erarbeitete die OECD weitere Leitlinien, die speziell auf die Branchen Bergbau, Textilindustrie und Landwirtschaft zugeschnitten sind.

Das folgende ILO Working Paper gibt einen Überblick der wichtigsten Standards.

Welche globalen Programme der ILO gibt es zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten?

  1. Das Global Action for Prevention on Occupational Safety and Health (OSH-GAP Programme) zielt auf die Verbesserung von Arbeitsbedingungen in Kleinen und Mittelständischen Unternehmen durch Prävention. Ein zentrales Tool für die Umsetzung des Programmes ist der Vision Zero Fund. Der VZF wurde unter der letzten deutschen G7 Präsidentschaft ins Leben gerufen und im Zuge der deutschen G20 Präsidentschaft 2017 zu einer globalen Initiative ausgeweitet. Ziel des Fonds ist der Aufbau von Strukturen wie beispielsweise Unfallversicherungen, Arbeitsinspektorensystemen und Mitbestimmung der Sozialpartner, um durch eine Präventionskultur Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den globalen Lieferketten zu verbessern.
  2. Die ILO bietet zudem konkrete Hilfestellung beim Ausbau und bei der Verbesserung von Unfallversicherungen. Das Global Programme on Employment Injury Insurance and Protection (GEIP) setzt auf verschiedenen Ebenen an, um Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Krisenzeiten gegen unvorhergesehene Einkommensausfälle zu schützen.
  3. In dem ILO Flagship International Programme on the Elimination of Child Labour (IPEC+) werden seit 1992 die weltweiten Aktivitäten zur Beseitigung von Kinder- und Zwangsarbeit gebündelt. Ein Augenmerk liegt auf denjenigen, die in globalen Lieferketten tätig sind. Um die Kräfte im Kampf gegen Kinder- und Zwangsarbeit zu bündelt, hat die internationale Gemeinschaft im Zuge der 2030 Agenda die weltweite Advocacy-Initiative Allianz 8.7 gegründet.
  4. Das gemeinsam mit der Weltbank (International Financial Corporation) durchgeführte Better Work Programme will die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie verbessern. Das besondere an Better Work: die multinationalen Konzerne werden eingebunden, um die Arbeitsbedingungen entlang der gesamten globalen Textillieferkette strukturell zu verbessern. Ziel ist es, gemeinsam mit den Konzernen unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit Anreize für die Einhaltung geltender Arbeitsstandards zu schaffen und zugleich in den Produktionsländern den Regierungen und Sozialpartnern ein stärkeres Gewicht bei Steuerung des lokalen Arbeitsmarktes zu geben.
  5. Die Equal Pay Initiative Coalition (EPIC), eine gemeinsame der ILO zusammen mit UN WOMEN und der OECD, wurde auf der 72. UN Generalversammlung im September 2017 in New York ins Leben gerufen. Ziel der Koalition ist es, den Austausch zwischen Ländern und verschiedenen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu fördern, um Good Practices auszutauschen und sich zu beraten, wie die gravierende Entgeltlücke zwischen Männern und Frauen zu schließen ist.

Welche Serviceangebote gibt es seitens der ILO?

  1. Der ILO Helpdesk for Business on International Labour Standards ist die erste Anlaufstation für multinationale Unternehmen, Arbeitnehmer und Gewerkschaften bei Fragen zur Umsetzung der ILO Normen. Auf der Seite des Helpdesks sind verschiedene Factsheets zum Download verfügbar, vor allem zum Thema globale Lieferketten und CSR. Falls darüber hinaus gehende Fragen bestehen, können diese direkt an assistance@ilo.org addressiert werden.
  2. Das Programm zur Förderung von wettbewerbsfähigen und verantwortlichen Unternehmen, (englisch SCORE), bietet praktische Hilfen für Kleine und Mittelständische Unternehmen zur Einhaltung von wichtigen Arbeitsnormen bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität.
  3. Das International Training Center der ILO in Turin bietet eine Vielzahl von Fortbildungen rund um die Arbeitswelt, die auch von Sozialpartnern und Regierungen in Anspruch genommen werden können.
  4. Im Falle von unvorhergesehenen Ereignissen wie beispielsweise des katastrophalen Fabrikeinsturzes in Bangladesch (Rana Plaza) im Frühjahr 2013 bietet die ILO zudem konkrete Unterstützung vor Ort an. Die ILO hat Erfahrung bei der Moderation von Schlichtungsprozessen und bietet Hilfe beim Aufbau von Entschädigungsfonds für die Opfer solcher Katastrophen. Konkrete Beispiele sind die Entschädigung der Ali Enterprise Tragödie in Karchi, Pakistan oder die Unterstützung des Aufbaus einer Sozialversicherung in Bangladesch.