Ukraine Krise

Fast 5 Millionen Arbeitsplätze seit Beginn der russischen Aggression in der Ukraine zerstört

Inmitten der humanitären Krise, die durch die russische Aggression gegen die Ukraine ausgelöst wurde, sind die Arbeitsmärkte sowohl im Land als auch in den Nachbarstaaten gestört.

Pressemitteilung | 11. Mai 2022
© Fadel Senna / AFP
GENF (ILO News) - Laut einer neuen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind in der Ukraine seit Beginn der russischen Aggression schätzungsweise 4,8 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. Die Studie schätzt, dass bei einer Eskalation der Feindseligkeiten die Arbeitsplatzverluste auf sieben Millionen ansteigen könnten. Würden die Kämpfe jedoch sofort eingestellt, wäre eine rasche Erholung mit der Rückkehr von 3,4 Millionen Arbeitsplätzen möglich. Dies würde die Beschäftigungsverluste auf 8,9 Prozent reduzieren, heißt es in dem Kurzbericht The impact of the Ukraine crisis on the world of work: Initial Assessment.

Die ukrainische Wirtschaft ist durch die russische Aggression stark beeinträchtigt worden. Seit Beginn der Krise am 24. Februar sind mehr als 5,23 Millionen Menschen in die Nachbarländer geflohen. Bei den Geflüchteten handelt es sich hauptsächlich um Frauen, Kinder und Personen über 60 Jahren. Von der gesamten Flüchtlingsbevölkerung sind etwa 2,75 Millionen im arbeitsfähigen Alter. Von diesen waren 43,5 Prozent, d.h. 1,2 Millionen, früher berufstätig und haben ihren Arbeitsplatz verloren oder aufgegeben.

Als Reaktion auf diese Unterbrechung hat die ukrainische Regierung erhebliche Anstrengungen unternommen, um das nationale Sozialschutzsystem funktionsfähig zu halten, indem sie die Zahlung von Leistungen, auch an Binnenvertriebene, durch den Einsatz digitaler Technologien gewährleistet.

Regionale und globale Krise

Die Krise in der Ukraine kann auch in den Nachbarländern, vor allem in Ungarn, Moldawien, Polen, Rumänien und der Slowakei, zu Störungen der Arbeitsverhältnisse führen. Sollten die Feindseligkeiten anhalten, wären ukrainische Geflüchtete gezwungen, länger im Exil zu bleiben, was den Druck auf den Arbeitsmarkt und die Sozialschutzsysteme in diesen Nachbarstaaten weiter erhöhen und die Arbeitslosigkeit in vielen von ihnen steigern würde.

Die erheblichen wirtschaftlichen und beschäftigungspolitischen Verwerfungen in Russland haben erhebliche Auswirkungen auf Zentralasien, insbesondere auf Länder, deren Wirtschaft von Überweisungen aus Russland abhängt, wie Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan.

Diese vier Staaten gehören zu den zehn wichtigsten Herkunftsländern von Migrant*innen in Russland. Viele dieser Migrant*innen schicken einen erheblichen Teil ihrer Einkünfte als Überweisungen in ihre Heimatländer zurück. Wenn die Feindseligkeiten und die Sanktionen gegen Russland zum Verlust von Arbeitsplätzen für Arbeitsmigrant*innen in Russland führen und diese Arbeitsmigrant*innen in ihre Herkunftsländer zurückkehren, wird es in Zentralasien insgesamt zu schweren wirtschaftlichen Verlusten kommen.

Die Aggression in der Ukraine hat auch einen Schock für die Weltwirtschaft verursacht, der die Erholung von der COVID-19-Krise weiter erschwert. Dies wird sich wahrscheinlich auf das Wachstum der Beschäftigung und der Reallöhne auswirken und die Sozialschutzsysteme zusätzlich unter Druck setzen.

In vielen Ländern mit hohem Einkommen, in denen es in letzter Zeit Anzeichen für eine stärkere Erholung des Arbeitsmarktes gab, könnten die Auswirkungen der Ukraine-Krise die Arbeitsmarktbedingungen verschlechtern und einige der erzielten Gewinne zunichtemachen. Besonders schwierig ist die Situation in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, von denen sich viele noch nicht vollständig von den Auswirkungen der COVID-19-Krise erholen konnten.

Sofortmaßnahmen

Im März verabschiedete der Verwaltungsrat der ILO eine Resolution, in der er Russland aufforderte, seine Aggression gegen die Ukraine "unverzüglich und bedingungslos einzustellen". Er äußerte seine tiefe Besorgnis über Berichte ziviler Opfer und Angriffe auf zivile Einrichtungen sowie über die schwerwiegenden Auswirkungen auf Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen, die ihr Leben riskieren, um weiterzuarbeiten.

Um die Auswirkungen der Krise auf den ukrainischen Arbeitsmarkt abzumildern, empfiehlt die ILO mehrere Sofortmaßnahmen, darunter:
  • Erleichterung der Initiativen von Arbeitgeber*innen- und Arbeitnehmer*innenorganisationen, damit diese eine wichtige Rolle bei der Bereitstellung humanitärer Unterstützung und der Gewährleistung der Fortsetzung der Arbeit spielen können, soweit dies möglich ist. Die individuellen und kollektiven Bemühungen der Sozialpartner können positiv zum Zusammenhalt beitragen und eine integrative wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung fördern.
  • Gezielte Beschäftigungsunterstützung in den vergleichsweise sicheren Gebieten der Ukraine, u. a. aufbauend auf dem laufenden, von der Regierung geförderten Programm zur Umsiedlung von Arbeitnehmenden und Unternehmen. Von der ILO unterstützte lokale Beschäftigungspartnerschaften (LEPs) können zur Schaffung von Arbeitsplätzen beitragen.
  • Unterstützung des Sozialschutzsystems in der Ukraine, um sicherzustellen, dass es weiterhin Leistungen, einschließlich neu eingeführter Bargeldtransfers, an (frühere und neue) Leistungsempfänger*innen auszahlt.
  • Vorbereitung einer Strategie für den Wiederaufbau nach dem Konflikt, die die Schaffung menschenwürdiger und produktiver Arbeitsplätze durch beschäftigungsintensive Investitionen fördert.