24. Ordentlichen Gewerkschaftstags der IG Metall in Nürnberg

ILO-Generalsekretär Guy Ryder spricht zu den Delegierten beim IG-Metall Kongress

Dieses Jahr hat die ILO ihr hundertjähriges Jubiläum gefeiert. ILO-Generaldirektor Guy Ryder übermittelt in seiner Rede die Hochachtung für die sogar noch längere Geschichte – 128 Jahre – von IG Metall und ihrem Vorgänger DMV. Durch diese Organisationen haben die deutschen Metallarbeiter das Fundament für die Gewerkschaftsaktionen im ausgehenden 19. Jahrhundert gelegt und heute bereiten sie den Weg, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern und dessen Chancen zu nutzen.

Nachricht | 9. Oktober 2019

Guy Ryder, Generalsekretär der ILO (Simultanübersetzung)


Vielen Dank. Herr Präsident Jörg Hofmann, liebe Delegierte und Gäste, liebe Freunde! Ich überbringe Euch die geschwisterlichen Grüße der Internationalen Arbeitsorganisation, der ILO, und persönlich meine besten Wünsche für den Erfolg Eures Gewerkschaftstages. Dieses Jahr hat die ILO ihr hundertjähriges Jubiläum gefeiert. Das sind 100 Jahre des Dreiparteiensystems von Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern, um soziale Gerechtigkeit und menschenwürdige Arbeit in der ganzen Welt zu fördern.

Ich möchte damit beginnen, dass ich meine Hochachtung für die sogar noch längere Geschichte – 128 Jahre – von IG Metall und ihrem Vorgängers DMV zum Ausdruck bringe. Denn durch diese Organisationen haben die deutschen Metallarbeiter das Fundament für die Gewerkschaftsaktionen im ausgehenden 19. Jahrhundert gelegt. Sie haben die Turbulenzen und Tragödie des 20. Jahrhunderts durchlitten und überstanden, und heute bereiten sie den Weg, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern und dessen Chancen zu
nutzen.

Miteinander für Gerechtigkeit und Solidarität zusammenzuarbeiten – das habt Ihr eigentlich schon lange gemacht. Aber heutzutage – bei diesen revolutionären Veränderungen, bei weitverbreiteter Ungerechtigkeit und bei wachsender Ungleichheit in der Welt – ist Eure Aufgabe wirklich mehr denn je absolut unentbehrlich.

Regelmäßiger Bestandteil meiner Aufgaben ist es, bei Tagungen und in Gewerkschaftszentren zu reden. Aber heute ist es in sieben Jahren das erste Mal, dass ich die Chance habe, auf dem Kongress einer einzelnen Gewerkschaft zu sprechen. Das sagt etwas über das Ansehen der IG Metall in der Welt aus. Es ist nicht nur, dass Ihr eine große und mächtige Organisation seid. Es ist nicht nur, dass Ihr eine lange und stolze Geschichte mit vielen Errungenschaften vorzuweisen habt und dass Ihr Euch immer auch stark international engagiert habt. Es ist auch – und ich glaube: vor allem –, dass die IG Metall heutzutage in vorderster Linie als Hauptakteur der deutschen Sozialen Marktwirtschaft unterwegs ist. Das ist eine Volkswirtschaft, deren Erfolg es – auch dank der Arbeit Eurer Mitglieder – ist, sich auf die Fertigung von Gütern zu verlassen, um die menschlichen Bedürfnisse zu decken, und nicht auf die Alchemie, dass man Papier in Gold verwandelt, wie es die Finanzsektoren in so vielen Ländern treibt.

Und mehr als das, liebe Kolleginnen und Kollegen: Wie die ILO, die ihr Jubiläum der Zukunft der Arbeit gewidmet hat, ist die IG Metall ein Schüsselakteur zum Aufbau der Zukunft, die wir überall haben wollen: einer Zukunft, die den Beschäftigten dient. Ihr sondiert den Horizont der Zukunft und legt den Kurs für die Zukunft fest, die wir haben möchten.

Ja, es stimmt: Wir kommen zusammen in einer Zeit der transformativen Veränderungen in der Welt. Wir wissen, dass die durch technologische Innovation, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Automation – durch alles, was wir mit dem Begriff „vierte industrielle Revolution“ verbinden – vorangetrieben werden. Die Veränderungen werden auch getrieben durch die Demografie der alternden Industrieländer des Nordens und der jüngeren Länder des Südens – mit allem, was das für die Handhabung der Migration und die Zukunftsfähigkeit unserer sozialen Sicherungssysteme bedeutet. Diese Veränderungen werden weiterhin getrieben durch den Fortschritt der Globalisierung, der heute unsicherer ist als je zuvor seit dem Fall der Berliner Mauer, in dieser Ära der Handelskriege, des Brexits und der zunehmenden internationalen Spannungen.

Natürlich werden diese Veränderungen auch durch den Klimawandel und durch alles, was wir tun müssen, um ihn aufzuhalten, vorangetrieben. Denn außer denjenigen, die die wissenschaftliche Evidenz leugnen – davon gibt es ja einige –, wissen doch alle, dass der Klimawandel schneller voranschreitet, als wir die Fähigkeit oder Bereitschaft haben, ihn aufzuhalten. Wir wissen, dass der Klimawandel das Resultat menschlichen Tuns ist, und wir müssen auf diese Realität reagieren. Das meint zu einem großen Teil auch die Arbeit beziehungsweise hat einen Bezug zur Arbeit.

Darum geht es ja bei dem Klimapaket in Deutschland. Es zeigt die Notwendigkeit auf, sicherzustellen, dass der notwendige Übergang zur Klimaneutralität ein gerechter Strukturwandel ist – ein gerechter Strukturwandel, der in Einklang steht mit sozialen und wirtschaftlichen Zielen, und zwar einschließlich des unabdingbaren Erfordernisses, sicherzustellen, dass wir menschenwürdige Arbeit für alle schaffen.

Die IG Metall und alle Gewerkschaften der Industriearbeiter in der Welt stehen im Mittelpunkt dieser Prozesse, ob sie nun wollen oder nicht. Ich glaube, man sollte dabei nicht alleingelassen werden. Denn die Prozesse sind komplex und anspruchsvoll. Wenn man das allein dem Markt überlässt, dann wird dabei nichts zustande kommen. Regierungen müssen sich verpflichten und entsprechend investieren – aber auch die Arbeitgeber und auch die internationale Gemeinschaft.

Kolleginnen und Kollegen, es gibt auch gute Nachrichten. Das Pariser Klimaabkommen von 2015 beinhaltet ja den Begriff des gerechten Strukturwandels. Beim Klimagipfel der Vereinten Nationen vor zwei Wochen haben sich mehr als 40 Länder – unter anderem auch Deutschland – verpflichtet, den gerechten Strukturwandel in ihre nationalen Klimastrategien miteinzubeziehen. Alle Regierungen sollten diesem Pfad folgen. Denn wenn sie es nicht tun, dann werden wir, nehme ich an, daran erinnert werden, dass es schließlich in jedem Auto eine gelbe Weste gibt.

Aber, Kolleginnen und Kollegen, der Ruf der IG Metall nach sozialer und ökologischer> Transformation wird gehört. Es ist auch die Strategie, die von der ILO-Jubiläumserklärung für die Zukunft der Arbeit gebilligt wurde. Diese Erklärung, die im Juni dieses Jahres von den Regierungen, den Arbeitnehmern und den Arbeitgebern von 187 Mitgliedsstaaten angenommen wurde, sieht eine auf Menschen ausgerichtete Zukunft der Arbeit vor. Das ist ein sehr fundamentaler Gedanke, nämlich, dass die Zukunft der Arbeit nicht vorherbestimmt ist. Sie wird und darf nicht nur durch technologischen oder Marktdeterminismus entschieden werden. Es muss, wie es auch immer in der Vergangenheit war, das Ergebnis der Fähigkeiten der Gesellschaften sein, Ziele für die Zukunft zu setzen und diese Grundsätze zu ihrer Umsetzung zu gestalten und zu realisieren.

Für die ILO sind diese Ziele vor 100 Jahren entschieden worden. Das sind die Ziele der sozialen Gerechtigkeit, und diese Ziele haben sich nicht verändert.

Kolleginnen und Kollegen, diese Erklärung zum Jubiläum verlangt von uns, dass wir in drei Gebiete investieren: an erster Stelle in die Fähigkeiten der Menschen – durch die Bereitstellung lebenslangen Lernens und durch umfassende soziale Absicherung, sodass sie erfolgreich diesen Strukturwandel überstehen können. Wir müssen auch in eine neue Agenda zur Gleichstellung der Geschlechter investieren.

Zweitens: Investitionen in nachhaltige Beschäftigung, insbesondere in der grünen Volkswirtschaft und im Pflegesektor, in die Infrastruktur und in die digitale und soziale Entwicklung sowie in die ländliche Entwicklung.

Schließlich müssen wir in Institutionen des Arbeitsmarktes investieren. Mehr als 100 Jahre haben Gewerkschaften und ihre Verbündeten Prozesse, Regeln, Mechanismen und Gremien aufgebaut, die es den Marktwirtschaften dann gestatten, zu sozialen Marktwirtschaften zu werden. Wir müssen heute überprüfen, wie effektiv diese Institutionen angesichts sich vollziehender Veränderungen in der Arbeit schließlich sind, zum Beispiel: Haben wir die richtigen Werkzeuge, um die Beschäftigten in der aufkommenden Gig-Economy zu schützen? Was tun wir, damit nicht jedes Jahr 3 Millionen Menschen ihr Leben aufgrund von Krankheiten und Verletzungen am Arbeitsplatz verlieren – ein Jahrhundert, nachdem wir in der ILO-in Gründungsverfassung festgelegt haben, dass jeder Arbeiter eine Garantie auf einen sicheren und gesunden Arbeitsplatz hat? Wie können wir das Ziel der Verfassung, maximale Arbeitszeiten festzulegen, erreichen?

Bedenkt einmal Folgendes, Kolleginnen und Kollegen: Als die ILO 1919 gegründet wurde, lag die Arbeitswoche für Industriearbeiter im Allgemeinen bei 65 Stunden. Die erste internationale Arbeitsnorm der ILO von 1919 hatte das Ziel von maximal 48 Stunden festgelegt, später dann von 40 Stunden. Eine der ersten Kampagnen der 80er-Jahre war Eure Kampagne für eine 35-Stunden-Arbeitswoche. Und jetzt bietet das allerneueste Tarifabkommen, das Ihr letztes Jahr ausgehandelt habt, die Möglichkeit, eine 28-Stunden-> Woche in Anspruch zu nehmen, und zwar für diejenigen, die sie haben wollen. Ich glaube, aus dieser Chronologie kann man seine Lektionen ziehen.

Die erste wäre: Trotz aller der Schwierigkeiten, die wir haben, hat es einen echten sozialen Fortschritt gegeben. Das Arbeitsleben hat sich geändert und kann sich auch in der Zukunft noch ändern. Aber nichts davon wird uns geschenkt, sondern wir haben es hart errungen und müssen es in der Zukunft halten.

So, wie sich die Arbeitswelt verändert – manchmal dramatisch –, können sich auch die Vorlieben und Bedürfnisse der Beschäftigten verändern. Und es gibt Zielkonflikte zwischen den Faktoren Arbeit, Einkommen und Freizeit. Nicht jeder hat die gleiche, einheitliche Sichtweise dieser Wahlmöglichkeiten. Ich glaube, deshalb ist Eure Verhandlungsstrategie – dass die Menschen mehr Steuerungsmöglichkeiten, mehr Autonomie gewinnen über die Arbeit der Zukunft – so wichtig.

Eine der Forderungen, die zugunsten der Technologie der vierten industriellen Revolution erhoben wurde, ist, dass man die Arbeit jederzeit und überall ausführen kann. Das klingt irgendwie fantastisch auf den ersten Blick, aber wir wissen alle, dass es einen gewaltigen Unterschied gibt, einerseits zwischen jemandem, der wirklich entscheiden kann, wo und wann er oder sie arbeiten möchte, und andererseits, dass jemandem vorgeschrieben wird, dass er irgendwo irgendwann arbeiten muss. Diesen Unterschied muss man anerkennen. Das ist genau der gleiche Gedanke, den die Kanzlerin Angela Merkel geäußert hat, als sie sagte, dass die Technologien, die uns die Gig-Economy ermöglichen, damit großen sozialen Fortschritt bewirken, aber dass man gleichzeitig auch eine neue Generation von digitalen Tagelöhnern des 21. Jahrhunderts schafft. Es gilt diese Anwendung der Technologien für eine menschlichere Arbeitswelt zu meistern, und es steht viel auf dem Spiel.

Kolleginnen und Kollegen, es ist gleichermaßen klar, dass es das entschlossene Handeln starker und repräsentativer Gewerkschaften ist, die die Schlüsselrolle ausmachen, um das Realität werden zu lassen. Wenn Gewerkschaften es schaffen, mit Arbeitgebern in einen ernsthaften sozialen Dialog einzutreten, profitieren nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes. Darum sollte eine echte Sozialpartnerschaft, gegründet auf dem Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren und Tarifverhandlungen zu führen, als universales öffentliches Gut betrachtet und von den Regierungen weltweit gefördert werden. Wie Ihr wisst, hat jedes Land seine eigene Geschichte zu erzählen. Aber leider sind die Geschichten nicht immer so positiv, wie wir sie gerne hätten.

Heute ist die Realität unserer Politik und des öffentlichen Lebens in vielerlei Hinsicht beunruhigend. Viele Leute – insbesondere die arbeitenden Menschen – fühlen sich desorientiert durch das Tempo und durch die Art des Wandels, denn sie haben häufig die Erfahrung stagnierender oder gar fallender Löhne und zunehmend prekärer Arbeit machen müssen. Sie fühlen die Ungerechtigkeit immer größerer Ungleichheiten. Sie blicken der Zukunft häufig mit Angst statt mit Hoffnung ins Gesicht.

Das Vertrauen in die Fähigkeit der politischen Konstrukte und der politischen Akteure, richtige Antworten auf die drängenden Sorgen zu finden, nimmt ab. Dadurch wächst die Versuchung, sich anderswo umzuschauen, nach den simplifizierenden Lösungen, die von den Populisten der unterschiedlichsten Couleur angeboten werden.

Das Vertrauen wird auch unterminiert durch die Überbringer von Fake News und die Tatsache, dass sie offenkundige Wahrheiten als Lügen abtun und dann mit ihren eigenen Falschdarstellungen als Realitäten hausieren gehen. Sie behaupten, dass Menschen wieder mehr Autonomie über ihr Leben bekommen, indem sie sich an ihre nationale Identität erinnern und indem sie all diejenigen ablehnen, die anders aussehen, denken, sprechen oder anders lieben als sie. Ich kann sagen, es gibt eine neue Brutalität, die sich in unserer Politik durchgesetzt hat. Man findet sie in der Fremdenfeindlichkeit auf unseren Straßen, in der Infiltration autoritärer Diskurse in der Politik und der offensichtlichen Straflosigkeit bei der Verletzung von Menschenrechten und von internationaler Rechtsstaatlichkeit.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir wissen, wo uns das hinführen kann. Wir wissen ebenfalls, welche Verantwortung die Gewerkschaften haben; nicht nur, weil sie zwangsläufig früher oder später dieser Agenda zum Opfer fallen, egal, in welcher sozialen Verpackung uns diese autoritär-populistischen Pakete angeboten werden. Sondern vor allem, weil Ihr den Angriffen auf die Grundwerte der sozialen Gerechtigkeit, Toleranz, Solidarität und Menschlichkeit, die die Gewerkschaftsbewegung und die ILO immer vereint haben, ausgesetzt seid.

Deshalb habt Ihr ganz recht, liebe Kolleginnen und Kollegen, darauf zu beharren, dass die soziale und ökologische Transformation, die vor uns liegt, auch eine demokratische Transformation sein muss.

Genau wie die IG Metall als Bollwerk gegen die neue Brutalität in den Betrieben und in den Gemeinden steht, wo Ihr anwesend seid, so tut es auch die ILO auf der internationalen Bühne. Wir haben in Deutschland einen starken Verbündeten gefunden bei der Verteidigung des Multilateralismus und dessen Einsatz zur Förderung von menschenwürdiger Arbeit für alle.

Uns eint die Entschlossenheit, die verschiedenen Organisationen des internationalen Systems zusammenzubringen, die für den Handel verantwortlich sind, die Welthandelsorganisation, oder jene, die mit den Finanzen zu tun haben, wie die Weltbank und der IMF, sodass sie systematischer mit der ILO und mit Euch zusammenarbeiten, um die Politikkohärenz zu schaffen, die wir für eine faire Globalisierung wirklich brauchen. Eine die auch der „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ der Vereinten Nationen gerecht wird.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich möchte abschließend allen gratulieren, die heute gewählt worden sind. Ich möchte auch jedem in diesem Raum danken und gratulieren für die unverbrüchliche Hingabe und das Eintreten für die Werte und die Ziele der Gewerkschaft und die Bereitwilligkeit, eine kreative, innovative Welt zu realisieren. Ich hoffe, dass Ihr Eure Kraft nicht nur dafür einsetzt, die Interessen der deutschen Arbeiter, die Ihr vertretet, zu repräsentieren, sondern auch die Interessen Eurer Brüder und Schwestern in der ganzen Welt.

All dies macht die IG Metall und die ILO zu natürlichen Partnern. Ich freue mich schon darauf, mit Euch zusammenzuarbeiten, damit die „Arbeit 4.0“ wirklich eine gerechte, solidarische und menschliche Arbeit ist. – Danke. (Beifall)