880.000 Zwangsarbeiter in der EU

In den EU-Mitgliedstaaten sind rund 880.000 Menschen von Zwangsarbeit betroffen. Das sind fast zwei von 1000 Personen. So lautet das Ergebnis von erstmals vorgenommenen Erhebungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) für die Europäische Union.

Nachricht | 10. Juli 2012
In den EU-Mitgliedstaaten sind rund 880.000 Menschen von Zwangsarbeit betroffen. Das sind fast zwei von 1000 Personen. So lautet das Ergebnis von erstmals vorgenommenen Erhebungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) für die Europäische Union.

Etwa 30 Prozent der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in der EU dürften von sexueller Ausbeutung betroffen sein und 70 Prozent von extremer Arbeitsausbeutung. Frauen machen mit 58 Prozent die Mehrheit der Betroffenen aus.

"Die Analyse von Fallbeispielen zeigt, das Landwirtschaft, Hausarbeit, verarbeitendes Gewerbe und Bau die wichtigsten Sektoren sind, in denen Zwangsarbeit in der EU vorkommt", so die Leiterin des ILO-Sonderaktionsprogramms zur Bekämpfung von Zwangsarbeit, Beate Andrees. "Die Betroffenen werden mit falschen Jobversprechen gelockt und finden sich dann in Arbeitsbedingungen wieder, die den Versprechungen in keiner Weise entsprechen. Viele von ihnen haben keine Arbeitserlaubnis, sodass ihre Verhandlungsposition entsprechend schwach ist."

In den meisten Fällen sind die Betroffenen EU-Bürger, aber viele kommen auch aus Asien, Afrika sowie Ost- und Südosteuropa. Die Betroffenen von sexueller Ausbeutung und Zwangsprostitution stammen besonders häufig aus Europa und Afrika und zu einem geringeren Teil auch aus Lateinamerika und Asien.

In den vergangenen Jahren haben die EU-Mitgliedsstaaten eine abgestimmte Strategie zur Bekämpfung des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen und der Arbeitsausbeutung entwickelt. Mit Unterstützung der Regierungen von Deutschland, Frankreich, Polen, Rumänien und einigen anderen EU-Ländern hat die ILO die Mechanismen der Rekrutierung wie Täuschung, Betrug und Drohungen untersucht und aufgezeigt. In mehreren EU-Staaten wurde auch die Rolle von Arbeitsinspektoren im Kampf gegen Menschenhandel und Zwangsarbeit gestärkt.

Angesichts der schockierend hohen Zahlen, die die aktuelle ILO-Erhebung ergab, mahnte ILO-Expertin Andrees bei der Vorstellung des Berichts in Brüssel jedoch verstärkte Anstrengungen zur Identifizierung von Betroffenen und zur Verfolgung der Täter an. "Die Strafverfolgung derjenigen, die so viele Menschen ins Elend stürzen, ist leider nach wie vor unzureichend", so Andrees. "Das muss sich ändern. Und wir müssen verhindern, dass die Zahl der Betroffenen zunimmt, denn in der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise sind Menschen für solche missbräuchlichen Praktiken besonders anfällig."

Weltweit sind es die osteuropäischen Nicht-EU-Staaten sowie die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, in denen Zwangsarbeit am häufigsten vorkommen. Im statistischen Durchschnitt arbeiten dort 4,2 von 1000 Bürgern unter Zwang. 13 der 19 Länder dieser Region befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft der EU.