ILO Köpfe: Interview mit Dr. Annette Niederfranke, Direktorin ILO Vertretung in Deutschland

Dr. Annette Niederfranke, Direktorin ILO-Deutschland, berichtet im Interview von ihren Eindrücken des G20-Gipfels und erläutert die Bedeutung der Beschlüsse aus Sicht der ILO. Außerdem beschreibt sie Herausforderungen und Chancen der „Zukunft der Arbeit“, die Erweiterung des Vision Zero Fund zu einer G20-weiten Initiative und das G20-Vorhaben zur Stärkung der Frauen auf den weltweiten Arbeitsmärkten.

Artikel | 16. Juli 2017

Frau Dr. Niederfranke, Sie haben am G20-Gipfel teilgenommen. Wie sind Ihre Eindrücke und welche strategische Bedeutung hat der G20-Prozess für die ILO?

Zunächst einmal bedaure ich sehr, dass die öffentliche Berichterstattung über den Gipfel sich zu wenig mit den inhaltlichen Beschlüssen befasst. In einer Welt, in der die globale Dimension von Wirtschafts- und Arbeitsprozessen immer wichtiger wird, lohnt es sich, die Arbeit dieser politischen Plattform der G20 zu erläutern. Es ist eben nicht trivial, wenn sich die Staats- und Regierungschefs so unterschiedlicher Länder wie Indien, China, Deutschland, Frankreich, USA, Kanada, Saudi-Arabien, Argentinien, um nur einige zu nennen, in konkreten Bereichen wie internationaler Handel, Migration, Förderung der Erwerbsbeteiligung von Frauen, auf einen gemeinsamen Kurs einigen. Dies gelingt nur, wenn der Austausch aktiv gepflegt wird, man die Interessen der anderen versteht und respektiert und angesichts gemeinsamer globaler Herausforderungen dennoch zu Ergebnissen kommt oder auch Differenzen deutlich macht. Dies nimmt das Motto der deutschen G20 Präsidentschaft auf: „Eine vernetzte Welt gestalten“.

Die ILO unterstützt gemeinsam mit anderen Internationalen Organisationen von Beginn an den G20-Prozess. Wir sehen die G20 als führendes Politikforum zur Stärkung der Weltwirtschaft und eines Wachstums, an dem Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländer gleichermaßen teilhaben. Für uns steht menschenwürdige Arbeit und soziale Sicherheit im Mittelpunkt, die Gestaltung einer fairen Migration und natürlich der gerechte und gleichberechtigte Zugang zur Arbeitswelt für Frauen.

Die ILO hat während der gesamten Vorbereitungen des G20-Gipfels eine aktive Rolle eingenommen. Sind Sie mit den G20-Beschlüssen zufrieden?

Die intensiven Diskussionen zwischen Staats- und Regierungschefs rund um das Ziel, Globalisierung inklusiv zu gestalten, knüpfen ja an wesentliche Arbeitsziele der ILO an. Unsere Daten zeigen uns, dass die Wachstumsaussichten und auch die Beschäftigungsperspektiven weltweit zu gering sind. Da ist mehr möglich. Gleichzeitig sehen wir, dass Globalisierung und technologischer Wandel dazu beitragen können, Wirtschaftswachstum und einen besseren Lebensstandard auf der ganzen Welt, insbesondere aber in Entwicklungs- und Schwellenländern, zu fördern. Allerdings kommen die Vorteile nicht allen Menschen, nicht allen Regionen und nicht allen Branchen gleichermaßen zu Gute. Und genau darum geht es: Durch multilaterale Verständigung und Verpflichtungen diese Schieflage in ein Gleichgewicht zu bekommen, Ungleichheit abzubauen und faire und menschenwürdige Arbeit in allen Regionen der Welt – und hier insbesondere in Afrika – voranzutreiben, so dass Menschen gut und sicher leben können.

Das wird deutlich in dem Abschluss-Communiqué der G20 Staats- und Regierungschefs „Eine vernetzte Welt gestalten“. Das Communiqué adressiert genau die Fragen, an denen die ILO arbeitet: Beschäftigungsförderung, Vermittlung von Kompetenzen für die Zukunft der Arbeitswelt, Stärkung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, Integration von Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten sowie Asylsuchenden in die Arbeitsmärkte, Förderung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten und der Umsetzung der 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung.

Die G20-Staats- und Regierungschefs unterstreichen die Bedeutung gut funktionierender Arbeitsmärkte für friedliches und integriertes Zusammenleben in Gesellschaften und für die Stärkung belastbarer Volkswirtschaften.
Die Auswirkungen des technologischen und demografischen Wandels und der Globalisierung auf Arbeitsmärkte sind so gravierend, dass gemeinsame Leitplanken für die Gestaltung und Regulierung nötig sind. Es ist das Mandat der ILO, Länder bei der Verwirklichung der G20-Verpflichtungen zu unterstützen.

Die G20 haben die Veränderungsprozesse in der Arbeitswelt aufgegriffen, ein zentrales Thema auch für die ILO. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten globalen Herausforderungen und Chancen in Bezug auf die „Zukunft der Arbeit“?

Megatrends wie Globalisierung, Digitalisierung und demografischer Wandel werden zu großen Verschiebungen der Arbeitsmärkte rund um den Globus führen. Hier ist die Erklärung der G20 ein wichtiger Schritt in Bezug auf die Zukunft der Arbeit. Drei Bereichen sind zu bewältigen: Kompetenzentwicklung, Sozialschutz und Arbeitsqualität.

Die vierte industrielle Revolution hat das Potenzial, den Menschen sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern Fortschritte zu vermitteln. Die Zukunft der Arbeit kann aber auch Arbeitsmärkte vor Herausforderungen stellen. Manche Muster sind ähnlich wie im späten 19. Jahrhundert, wenn wir z.B. feststellen, dass Arbeitnehmerrechte durch atypische Beschäftigungsformen bedroht sind. Ein neuer sozialer Dialog ist erforderlich. Es ist die Aufgabe der ILO als UN-Sonderorganisation, die für die Arbeitswelt verantwortlich ist, diese Transformationen sozialverträglich zu gestalten, vor Ort, gemeinsam mit Regierungen, Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen.

Der Vision Zero Fund (VZF) für Arbeitsschutz wurde zu einer G20-weiten Initiative ausgebaut. Die ILO nimmt bei der Verwaltung des Fonds eine führende Rolle ein. Welche Chancen bietet der Fonds speziell für die Umsetzung der ILO-Normen zum Arbeitsschutz, insbesondere in globalen Lieferketten?

Wir begrüßen und nehmen es als Auftrag, dass die G20 den VZF unterstützen und fördern möchten. Prävention in der Arbeitswelt ist zentral. Nur so kann die viel zu hohe die Zahl von arbeitsbedingten Todesfällen, Verletzungen und Krankheiten rund um den Globus verhindert werden. Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz werden deshalb durch den VZF in globalen Lieferketten verbessert.
Insgesamt wird die Entwicklung nachhaltiger betrieblicher Praktiken und verbesserter gesetzlicher und öffentlicher Rahmenbedingungen durch die Zusammenarbeit zwischen Führungskräften und Arbeitnehmern in Unternehmen verbessert. Dies schließt auch ein, dass Arbeitsaufsicht gestärkt und Unfallversicherungen aufgebaut werden. So unterstützt der VZF die Umsetzung internationaler Arbeitsstandards.

Die Stärkung von Frauen war für die G20-Staats- und Regierungschefs eine zentrale Priorität. In Bezug auf aktuelle Trends, was sind die langfristigen Implikationen und potenziellen Auswirkungen der Schließung des Gender-Gap an der Erwerbsbeteiligung?

Es ist ein großer Fortschritt und ein wichtiges Signal, dass die G20 ein so klares Statement zur Stärkung von Frauen auf den weltweiten Arbeitsmärkten und zur Förderung des Unternehmertums von Frauen abgeben. Und es ist gut, dass dafür Gelder bereitgestellt werden, so dass Frauen mit Hilfe von Krediten eine Existenzgrundlage für sich und ihre Familien aufbauen können. Dies vor allem in den Regionen, wo Bedarf herrscht, in Afrika, in Asien.

Heute ist die weltweite Erwerbsbeteiligung von Frauen – bei knapp über 49 Prozent – fast 27 Prozentpunkte niedriger als die der Männer.

Im Jahr 2014 haben sich die G20-Staats- und Regierungschefs verpflichtet, den Gender-Gap bis 2025 um 25 Prozent zu senken. Die Hamburger G20-Erklärung bekennt sich zu diesem Ziel, belässt es aber nicht bei warmen Worten, sondern bringt konkrete Programme auf den Weg. Zugang zu digitaler Wirtschaft, Unterstützung des Unternehmerinnentums durch einen konkreten Aktionsplan (We-Fi), der den Zugang zu Krediten eröffnet, dies vor allem in Afrika.

Dies ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit und der Chancengleichheit, sondern auch ökonomisch klug. Neue Berechnungen der ILO im World Employment and Social Outlook (WESO) belegen, welch enormes ökonomisches Potential damit verbunden ist, wenn dieser Gender-Gap geschlossen wird: Die globale Wirtschaft würde mit US $ 5,8 Billionen Dollar profitieren.