ILO at work: G20 Schwerpunkte Arbeitsunfälle bekämpfen, Geschlechterlücken schließen

Mit breiter Unterstützung der G20 setzt der von der ILO verwaltete Vision Zero Fund seine Arbeit zur weltweiten Prävention von Arbeitsunfällen fort. In Äthiopien startete nun das zweite Pilotprojekt. Daneben weist ein neuer ILO-Bericht auf die Ungleichbehandlung von Frauen in der Arbeitswelt hin. Nicht nur problematisch im Hinblick auf Chancengerechtigkeit, auch großes ökonomisches Potenzial bleibt so ungenutzt.

Artikel | 14. Juli 2017

Vision Zero Fund: Zweites Pilotprojekt in Äthiopien gestartet

Der G20-Gipfel in Hamburg Anfang Juli hat wichtige Weichen für den internationalen Arbeitsschutz gestellt. Das Ziel der deutschen G20-Präsidentschaft war es, den 2015 von der G7 ins Leben gerufenen Vision Zero Fund (VZF) zu einer G20-weiten Initiative auszubauen. Mit dem ambitionierten Präventionsprogramm, das die ILO aufgrund ihres großen Erfahrungsschatzes auf dem Gebiet Arbeitsschutz und -sicherheit verwaltet, soll die Zahl der Unfälle am Arbeitsplatz weltweit minimiert werden.

Nicht nur die G20-Arbeitsminister erklärten auf ihrem Treffen in Bad-Neuenahr im Mai ihre Unterstützung für den VZF. Auch die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer begrüßten das als Öffentlich-Private Partnerschaft konzipierte Projekt und ermutigten den privaten Sektor, den Fonds zu unterstützen.

In Äthiopien ist nun nach Myanmar das zweite Pilotprojekt im Rahmen des VZF gestartet. Trotz einer boomenden Wirtschaft mit einem jährlichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von rund zehn Prozent steht der einheimische Arbeitsmarkt vor großen Herausforderungen. So ist die Hälfte der Erwerbstätigen im informellen Sektor beschäftigt, 70 Prozent müssen von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben.

Angesichts dieser drängenden Probleme geraten die vielen Verstöße gegen Arbeitsstandards – vor allem durch ausländische Investoren und Handelspartner – in den Hintergrund. Doch mit fortschreitender wirtschaftlicher Entwicklung wird sich dieses Problem wohl noch verstärken. Schon jetzt verletzen sich beispielsweise pro Jahr mehr als 40 Prozent der auf den Baustellen der Hauptstadt Addis Abeba eingesetzten Arbeiter.

Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Yasmin Fahimi, erklärte bei der Auftaktveranstaltung des Pilotprojekts in der äthiopischen Hauptstadt am 14. Juli: „Ich kann die äthiopische Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebervertreter nur ermutigen, sich im Rahmen des Vision Zero Fund an einen Tisch zu setzen.“ Der Sozialdialog sei der Schlüssel für Nachhaltigkeit.

Fahimi zeigte auch Anknüpfungspunkte für den VZF auf: So könne mithilfe des Fonds die personell schwach aufgestellte und bisher wenig durchsetzungsstarke Arbeitsaufsicht ausgebaut werden. Außerdem könnten Unfallversicherungen für einzelne Wirtschaftsbereiche (z.B. Textilwirtschaft) aufgebaut werden. Gemeinsam mit der lokalen Wirtschaft und internationalen Konzernen sollen außerdem Präventionsprogramme initiiert werden, in denen die Beschäftigten für das Thema Arbeitssicherheit sensibilisiert werden.

WESO Trends for Women 2017: ILO-Bericht zur Überwindung des Gender Gaps

Auch die Frage geschlechtergerechter Arbeitsbedingungen ist eines der Hauptanliegen der ILO, ein Thema das zentral auf der diesjährigen G20-Agenda war. Denn dass Frauen nicht annähernd zu den gleichen Bedingungen wie Männer am Arbeitsmarkt partizipieren, ist weltweit eine der größten Herausforderungen in der Arbeitswelt. Noch immer haben sie es schwerer, überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden – von gleicher Bezahlung und gleichen Arbeitsbedingungen ganz zu schweigen. Der Gender Gap ist deshalb nicht nur ein massives Gerechtigkeitsproblem, sondern lässt auch ein enormes ökonomisches Potenzial brachliegen. Aus genau diesem Grund haben auch die Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten bei ihrem Treffen in Hamburg mehr Engagement in Sachen Frauenerwerbstätigkeit gefordert und dies in ihrer Abschlusserklärung festgehalten.

Bericht belegt eklatante Geschlechterlücken

Dass Handlungsbedarf besteht, ist längst unstrittig. Der ILO-Bericht „World Employment and Social Outlook: Trends for women 2017“ hat die Situation von Frauen in der Arbeitswelt detailliert unter die Lupe genommen. Er zeigt ein differenziertes Bild von Frauen im Erwerbsleben. So sind sie zum Beispiel stärker als Männer in Bereichen beschäftigt, in denen Einkommen und Arbeitsbedingungen schlechter sind. Dazu gehören vor allem die Sektoren Bildung, Gesundheit, soziale Dienste und Handel. Außerdem arbeiten sie häufiger als unbezahlt mithelfende Familienangehörige oder leisten unbezahlte Mehrarbeit. Besonders schlecht steht es jedoch in Sachen Erwerbsbeteiligung von Frauen. Diese liegt 2017 gerade einmal bei 49 Prozent. Das sind fast 27 Prozentpunkte weniger als bei Männern, also eine Geschlechterkluft von gut einem Viertel. Der größte Abstand existiert dabei in den Schwellenländern mit 31 Prozent, gefolgt von den Industrienationen mit immerhin noch 16 Prozent und den Entwicklungsländern mit 12 Prozent. Die Unterschiede zwischen den Ländergruppen bilden auch ab, dass Frauen in Entwicklungsländern oft die Haupternährerinnen für ihre Kinder oder die Großfamilie sind, also Erwerbstätigkeit, wenn auch oft unter prekären Bedingungen, Teil ihres Lebens ist. In den Industrienationen haben die gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Rahmenbedingungen – Ausbau der Kinderbetreuung, Elternzeit etc. – zu einer höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen geführt.

Mit Blick auf die Regionen der Welt werden noch weit größere Gefälle sichtbar: Beläuft sich die Erwerbsbeteiligung in Europa bei den Frauen auf 52 Prozent im Gegensatz zu 66 Prozent bei den Männern, was einer Geschlechterkluft von 14 Prozent entspricht, gehen in den arabischen Staaten nur 21 Prozent der Frauen einer Arbeit nach im Vergleich zu 76 Prozent bei den Männern. Das ergibt eine Kluft von 55 Prozent. Mit einer Differenz von mehr als 50 Prozent stehen auch Nordafrika und Südasien kaum besser da.

„25 bis 25“-Ziel lohnt auch wirtschaftlich

Diese Geschlechterkluft global bis zum Jahr 2025 um 25 Prozent zu senken, das haben sich die G20-Staaten 2014 zum Ziel gesetzt. Die deutsche Präsidentschaft knüpft mit dem Communiqué an die Brisbane Targets von 2014 an. Die G20 verständigten sich auf konkrete politische Handlungsempfehlungen im Hinblick auf Lohn, Jobsicherheit und Arbeitsbedingungen. Dass sich die Überwindung der Geschlechterkluft auch ökonomisch lohnt, zeigt der „WESO Trends for Women 2017“. Nach den darin enthaltenen Schätzungen könnte die Erreichung dieses Ziels für die globale Wirtschaft zusätzliche 5,8 Billionen US-Dollar einbringen. Die Steuereinnahmen könnten sich um 1,5 Billionen US-Dollar erhöhen, zu einem Großteil in Schwellenländern (990 Milliarden US-Dollar) und in Industriestaaten (530 Milliarden US-Dollar). Aufgrund des besonders ausgeprägten Gender Gaps in Nordafrika, den arabischen Staaten und Südasien würden diese Regionen zudem am deutlichsten profitieren.

Für die ILO ist jedoch klar: Ohne gezielte Maßnahmen und einen politischen Rahmen wird es kaum zu Verbesserungen kommen. Der Report formuliert deshalb klare Anforderungen. Dazu gehört unter anderem, tradierte Geschlechterrollen abzubauen, Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz zu bekämpfen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit durchzusetzen, die Arbeitsbedingungen im informellen Sektor zu verbessern, bisher unbezahlte Familien- und Pflegearbeit zu honorieren sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern. Gesetzliche Vorgaben sind dabei genauso wichtig wie Awareness-Kampagnen und gemeinsam gefundene sozialpartnerschaftliche Lösungen.