ILO at work: G20 und die Zukunft der Arbeit

Die Themen, die die Arbeitsminister der G20 behandeln, sind auch jene, mit denen sich die ILO intensiv auseinandersetzt. Der von der Bundesregierung ins Leben gerufene Dialogprozess „Arbeiten 4.0“ zeigt dabei beispielhaft, wie eng nationale und internationale Diskussionen miteinander verwoben sind. Eine ILO-Studie zum Crowdworking macht zudem deutlich, vor welchen Herausforderungen die weltweiten Arbeitsmärkte in der „Gig Economy“ stehen.

Artikel | 19. Mai 2017

Die Entgeltgleichheit von Männern und Frauen, die Arbeitsmarktintegration von Migranten und Geflüchteten, die nachhaltige Gestaltung globaler Lieferketten sowie die Zukunft der Arbeit – das sind die vier Themenschwerpunkte, mit denen sich die G20-Arbeitsminister in Vorbereitung des Gipfeltreffens der G20-Staats- und Regierungschefs in Hamburg intensiv beschäftigt haben. Und es sind gleichermaßen die Themen, die auch die ILO bewegen (siehe auch die Arbeitsfelder der ILO). Was die Minister am Ende in ihrer Abschlußerklärung festgehalten haben, wurde dabei unter reger Beteiligung der Internationalen Arbeitsorganisation entwickelt. Neben anderen Akteuren hat die ILO ihren Sachverstand in die „Arbeitsgruppe Beschäftigung“ eingebracht, die das Ministertreffen vorbereitet hat. Dazu gehörte zum Beispiel die Bereitstellung von Arbeitsmarktdaten und Studienergebnissen. An der Ministerkonferenz selbst hat ILO-Generaldirektor Guy Ryder mit konkreten Inputs und Impulsen teilgenommen. 

Arbeiten 4.0: deutschlandweit und global diskutiert

Wie eng die Verflechtung zwischen nationalen und globalen Diskussionsprozessen ist, sieht man beim Thema Zukunft der Arbeit: 2015 hat die ILO ihre "Future of Work Centenary Initiative" gestartet und damit einen weltweiten Dialog ins Leben gerufen zur Frage, wie wir künftig arbeiten wollen. Noch im gleichen Jahr hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales den Faden aufgenommen und mit Arbeiten 4.0" seinen eigenen, deutschlandweiten Dialogprozess initiiert. Die Tatsache, dass sich sowohl Deutschland als auch die ILO parallel mit dieser Frage befassen, zeigt nicht nur die Wichtigkeit des Themas, sondern auch die engen Wechselwirkungen. Da Deutschland als ILO-Mitglied in den globalen Dialogprozess eingebunden ist, ergeben sich zudem hilfreiche Synergien und Chancen zum Wissensaustausch.

Wie bei all ihren Initiativen fördert die ILO auch in diesem Fall den sozialpartnerschaftlichen Dialog zwischen Regierung, Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern. Auch die Bundesregierung geht diesen Weg: Unter enger Einbeziehung von Unternehmen, Gewerkschaften, Wissenschaftlern und weiteren Experten, aber auch der Bürgerinnen und Bürger wurde gemeinsam über die Veränderungen in der Arbeitswelt diskutiert. Die Schlussfolgerungen wurden in einem Weißbuch Arbeiten 4.0" festgehalten und fließen wiederum in den weltweiten ILO-Dialog ein. Das Ziel ist – anlässlich des dann 100-jährigen Bestehens der Organisation – die Verabschiedung einer Jahrhundert-Erklärung zur Zukunft auf der Arbeit auf der nächsten ILO-Konferenz 2019.

Crowdworking: Wohin führt die „Gig Economy“?

Wie massiv sich die Erwerbsarbeit schon verändert, zeigt ein Blick auf die sogenannte „Gig Economy“. Gemeint sind vor allem immer losere und flexiblere Arbeitsverhältnisse für Internetplattformen, bei der Arbeit nicht mehr als Arbeit definiert wird, sondern als „gig“, „task“, „ride“, „service“ oder „favour“. Die sogenannten Crowdworker bieten dabei ihre Arbeitskraft auf Plattformen wie Amazon Mechanical Turk oder CrowdFlower für die Erledigung kleiner, meist monotoner Aufgaben („microtasks“) an. Das können beispielsweise Textkorrekturen auf Webseiten sein, das Taggen von Fotos oder das Verteilen von Facebook-Likes. Noch sind die Arbeitsbedingungen hier nicht sehr umfassend erforscht. Mit ihrer Vergleichsstudie Income security in the on-demand economy: Findings and policy lessons from a survey of crowdworkers “ betritt die ILO deshalb wichtiges Neuland – es handelt sich um eine der ersten Arbeiten weltweit in diesem Bereich, für die eigene Daten erhoben wurden.

Für die Studie wurden über 1.100 Menschen in den USA und Indien befragt, die als Crowdworker arbeiten. Obwohl das Phänomen auch in anderen Ländern existiert, ist der Vergleich interessant, weil gezeigt werden konnte, dass sowohl Arbeiter in Industrie- als auch in Schwellenländern betroffen sind – mit durchaus unterschiedlichen Ergebnissen. Während fast die Hälfte der amerikanischen Crowdworker als Grund für die Arbeit angibt, etwas zu anderen Beschäftigungen hinzuverdienen zu wollen, macht dies in Indien nur zehn Prozent aus. Im Gegenzug betonen ein Drittel der indischen Crowdworker, die Arbeit von zuhause  erledigen zu können sei ein wichtiges Motiv. 20 Prozent macht die Arbeit Spaß, genauso viele sehen eine bessere Bezahlung als in anderen Branchen – Aspekte, die von amerikanischen Arbeitern nahezu gar nicht angegeben werden. Auch in Bezug auf die Frage, was die Crowdworker vorher gemacht haben, zeigen sich Unterschiede. Deutlich mehr Inder haben ein Unternehmen geführt. Im Vergleich zu den Indern war ein größerer Anteil der Amerikaner zuvor arbeitslos. Ein größerer Anteil der Inder wiederum war vorher mit der Kindererziehung oder eine Pflegetätigkeit beschäftigt. Crowdworking kann demnach auch Vorteile bringen, wenn Arbeiterinnen und Arbeiter auf diese Weise einen Weg zurück in die Beschäftigung finden.

Ungeachtet dessen kommt die Studie zu dem Schluss, dass die derzeitige Ausgestaltung von Crowdworking aus Arbeitnehmersicht nicht annähernd zufriedenstellend ist: Selbst wenn die Crowdworker ausschließlich für einen Arbeitgeber arbeiten, werden sie als freie Vertragsnehmer beschäftigt mit limitierter Kontrolle über ihre Arbeitszeit, geringer Bezahlung, begrenzten Weiterbildungsmöglichkeiten, unzureichendem Arbeitsschutz, eingeschränkten Rechten und häufig prekärer sozialer Sicherung. Mit ihrer Forschung hat die ILO dazu beitragen, die Ursachen und Bedingungen für diese Zustände zu erkennen und zu benennen. In einem nächsten Schritt geht es darum, zielgerichtete Programme für Crowdworker aufzulegen und die regulatorischen Lücken zu schließen.

Am Beispiel der Gig Economy wird die globale Relevanz des Themas deutlich. In Bad Neuenahr verständigten sich die Arbeitsministerinnen und Minister der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer darauf, Strategien für die sozialverträgliche Gestaltung der Zukunft der Arbeit zu entwickeln, um den genannten globalen Herausforderungen gemeinsam und entschlossen zu begegnen.