ILO-Köpfe Interview mit Vic van Vuuren, Direktor des Enterprises Department der ILO

Im Interview erklärt Vic van Vuuren, Direktor des Enterprises Department der ILO, die wichtigsten Voraussetzungen, damit Unternehmen in Afrika investieren. Er erläutert zudem, wie die ILO vor dem Hintergrund ihres einmaligen tripartiten Ansatzes auf dem Kontinent zu inklusivem Wirtschaftswachstum, sozialer Entwicklung und politischer Stabilität beiträgt.

Artikel | 5. Oktober 2017

Herr van Vuuren, als Direktor des Enterprises Department der ILO: Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Bedürfnisse lokaler Unternehmen als auch multinationaler Konzerne, um in Afrika zu investieren?

Sechs Elemente sind für mich entscheidend: Zuallererst benötigen Unternehmen politische Stabilität. Wenn ein Kontinent oder ein einzelnes Land das nicht gewährleisten kann, werden Investitionen schwierig. Keine Firma möchte in einer unsicheren Umgebung investieren. Zweitens braucht es sichere Besitzverhältnisse. Unternehmen wollen, dass ihre Investitionen und Vermögenswerte geschützt sind. Drittens: Investitionen müssen sich lohnen und rentabel sein. Wenn Unternehmen keinen Gewinn machen können, werden sie nicht investieren.

Der vierte Punkt ist, dass Firmen ein geschäftsfreundliches Umfeld vorfinden müssen. Das ist eine große Herausforderung. Das zeigt sich beispielsweise in einer unternehmerfeindlichen Gesetzgebung in vielen afrikanischen Staaten. Um erfolgreich zu sein, braucht es außerdem das passende Know-how vor Ort. Die Förderung moderner Technologien und die Industrialisierung verlangen passende lokale Fähigkeiten – sie lassen sich nicht importieren. Zu guter Letzt benötigt man eine funktionierende Infrastruktur, die Unternehmen in die Lage versetzt, auf dem Kontinent tätig zu werden und ihre Waren effektiv und effizient von A nach B zu bringen.

Was unternimmt die ILO, um den afrikanischen Staaten beim inklusiven wirtschaftlichen Wachstum und der sozialen Entwicklung zu helfen?

Es ist wie beim Hausbau. Die ILO liefert die Grundlagen: Prozesse und Inhalte. Unser Inhalt ist das normative Rahmenwerk der ILO, das seine Ausprägung vor allem in den internationalen Arbeitsstandards findet. Zu unserem Prozess gehört der soziale Dialog, der Regierungen und Sozialpartner zusammenbringt. Die ILO ist eine einmalige, tripartite Organisation. Sind die Grundsteine gelegt, können die nächsten Schritte erfolgen: Wir fördern Politikansätze und bieten Unterstützung, wie menschenwürdige Arbeit erreicht werden kann und wie Staaten Entwicklungsherausforderungen überwinden können.

Dazu gehört zum Beispiel unsere Hilfestellung in Sachen Jugendbeschäftigung, Geschlechtergerechtigkeit und Entwicklung von kleinen Unternehmen. Das Ganze wird ergänzt durch das ILO-Engagement für angemessene soziale Absicherung der Arbeiterinnen und Arbeiter. Diese brauchen ein soziales Sicherungsnetz, damit sie von wirtschaftlicher Stabilisierung und Wachstum profitieren können.

Im obersten Teil unseres Haus befindet sich die Zukunft der Arbeit: Wir forschen zu den künftigen Bedürfnissen der Arbeitswelt und versuchen dabei auch, unkonventionell zu denken. Mit unseren Standards, Daten und Erkenntnissen genauso wie mit unserem Konsultationsprozess beraten wir Regierungen und Sozialpartner, wie sie vorangehen können. Zusätzlich zu unseren zahlreichen Länderbüros hat die ILO ein Regionalbüro sowie vier strategisch platzierte „Decent Work“-Teams in Afrika, ansässig in Kairo, Dakar, Pretoria und Yaoundé. Ihre Aufgabe ist es, Regierungen und Sozialpartner bei der Prioritätensetzung und Umsetzung nationaler „Decent Work“-Länderprogramme zu unterstützen.

Welchen Beitrag leistet die ILO zu Strukturreformen und politischer Stabilität in allen Ländern, eingeschlossen jener, die von Naturkatastrophen und Krieg betroffen sind?

In erster Linie setzen wir auf die Kraft des sozialen Dialogs. Selbst aus Südafrika kommend weiß ich persönlich, wie schwer, aber auch wichtig es ist, Menschen dazu zu bringen, miteinander zu reden. Schauen Sie zum Beispiel auf die Zeit am Ende der Apartheid. Hier hat die ILO ermöglicht, dass ein Gesprächsprozess stattfindet und Regierung und Sozialpartner zu einem Konsens finden. Darüber hinaus engagieren wir uns in konkreten lokalen Projekten, sodass wir unser Know-how vor Ort einbringen können.

Dadurch schaffen wir reale, praktische Lösungen, die weiterentwickelt und ausgebaut werden können. Wenn die entsprechenden Fähigkeiten fehlen, kann die ILO über ihre Programme unterstützend dazu beitragen, die Herausforderungen zu bewältigen. Außerdem ist die ILO Teil der UN-Familie. Gemeinsam mit anderen UN-Organisationen arbeiten wir daran, ganzheitliche Lösungen anzubieten. Das trägt dazu bei, unsere Ziele in Gebieten zu erreichen, die von Naturkatastrophen oder Konflikten gebeutelt sind. Dazu gehört selbstverständlich, in ernsten Situationen sehr vorsichtig vorzugehen und, wenn nötig, aus der Ferne zu agieren.

Auf Basis Ihrer Erfahrungen als afrikanischer Bürger und ehemaliger ILO-Länderdirektor für Südafrika: Was sind die wesentlichen Entwicklungsvoraussetzungen für den Kontinent? Und wie sollten globale Partnerschaften wie der deutsche Marshall-Plan oder der G20 „Compact with Africa“ ausgestaltet sein, um dieses Ziel zu erreichen?

Als Bürger Afrikas habe ich mit Sicherheit einen eher emotionalen Blick auf die Dinge. Für mich besteht das größte Hindernis in der fehlenden Führung auf dem gesamten Kontinent. Der vorgeschlagene deutsche Marshall-Plan genauso wie die Nachhaltigen Entwicklungsziele sind exzellente Ansätze, um Afrika stabiler und erfolgreicher zu machen. Aber ohne politische Führung und Selbstverpflichtung auf dem Kontinent werden sie nicht funktionieren – weder in einzelnen Staaten, noch in der gesamten Region. Besonders wichtig sind meines Erachtens außerdem politische Stabilität, mehr Demokratie, eine Stärkung der Regionalorganisationen sowie Investitionen in Infrastruktur und Know-how.