Hintergrund: Globale Lieferketten menschenwürdig gestalten

Ob wir T-Shirts tragen, Kaffee trinken oder per Smartphone kommunizieren: Wenn wir ein Produkt nutzen, waren vorher oft Tausende von Menschen weltweit an seiner Herstellung beteiligt. Die ILO setzt sich dafür ein, dass die Chancen, die Globale Lieferketten bieten, auch den Beschäftigten zugutekommen

Artikel | 16. September 2016
Längst prägen globale Lieferketten unseren Alltag. Wenn wir uns beispielsweise einen Zeichentrickfilm im Kino ansehen, sind wir von ihnen umgeben: Der Film wurde in den USA produziert, mit Subunternehmern in Indien und Südkorea. Der Mais für das Popcorn wurde in Argentinien geerntet, mit Palmöl von einer malaysischen Plantage verarbeitet und mit italienischen Maschinen hergestellt. Der Kinosessel stammt aus einer polnischen Manufaktur. Das Auto ­mit dem wir ins Kino gefahren sind – ein deutsches Fabrikat –, wurde in Spanien montiert, mit Teilen aus Österreich, Frankreich, Mexiko und Thailand.

Globale Lieferketten auf Wachstumskurs

Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten, zwischen 1995 und 2013, stieg der Anteil der Beschäftigten in globalen Lieferketten um mehr als 50 Prozent. Nach Berechnungen der ILO arbeiten heute weltweit 453 Millionen Menschen in globalen Lieferketten. Allein in der EU sind ein Drittel der Beschäftigten darin tätig (World Employment and Social Outlook, WESO 2015). Nach Schätzungen der UN-Handelskonferenz findet zudem 80 Prozent des weltweiten Handels in globalen Lieferketten statt (UNCTAD World Investment Report 2013).

Dabei bietet die weltweite Vernetzung große Chancen. Denn generell gilt: Globale Lieferketten steigern die Produktivität. Sie können das Wirtschaftswachstum ankurbeln und so neue Jobs schaffen. Allerdings profitieren Industriestaaten eher von den Vorteilen als Schwellenländer, für die es weniger einfach ist, Produktionskosten zu senken, etwa indem die Herstellung ins Ausland verlagert wird (WESO 2015).

Die Schattenseiten der weltweiten Vernetzung

Lieferketten führen zudem nicht automatisch zu besseren Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil: Ausbeutung durch schlechte Sozial- und Umweltstandards ist die Kehrseite einer weltweit vernetzten Wertschöpfung. Löhne unterhalb des vergleichbaren Mindestlohns, Gesundheitsgefahren am Arbeitsplatz, fehlende soziale Absicherung bei Krankheit, Unfall oder Alter sowie prekäre Beschäftigungsverhältnisse stellen die größten Herausforderungen dar. Vor allem Frauen sind überproportional im Niedriglohnsektor beschäftigt, obwohl sie es sind, die oft das Einkommen ihrer Familien sichern.

Hinzu kommt: Nicht selten besteht eine Lieferkette aus 20 bis 30 Stationen. Die Zusammenhänge sind dabei komplex: Vielfältige Beschäftigungsverhältnisse, ein Geflecht von Zuliefererverträgen mit mehreren Akteuren und Ländern, verschiedene nationale Gesetzgebungen, unterschiedlich starke Gewerkschaften und Betriebsräte. All diese Aspekte spielen eine erschwerende Rolle, wenn es darum geht, internationale Arbeitsstandards durchzusetzen.

Alle Beteiligten in die Verantwortung nehmen

Die Verantwortung für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in den Produktionsketten liegt deshalb gemeinsam bei allen Beteiligten. Regierungen können dazu beitragen, indem sie neben nationalen Gesetzgebungen die ILO-Kernarbeitsnormen ratifizieren und umsetzen. Unternehmen können Selbstverpflichtungen eingehen und Zuliefererverträge schließen, die die Kernarbeitsnormen achten. Arbeitnehmervertretungen können deren Einhaltung einfordern und die Interessen der Beschäftigten wahrnehmen. Und Verbraucher können durch einen bewussteren Konsum Einfluss nehmen.

ILO-Kernaufgabe: Verbesserung der weltweiten Arbeitsbedingungen

Die ILO unterstützt diese Akteure in ihren Bemühungen. Seit ihrer Gründung 1919 ist es Kernaufgabe, Arbeitsbedingungen über nationale Grenzen hinweg zu verbessern und menschenwürdige Arbeit in jedem Land durchzusetzen. Mit ihrer umfangreichen Expertise stellt sie dafür das nötige Rüstzeug bereit. Neben den ILO-Kernarbeitsnormen gehört dazu insbesondere die konkrete Projektarbeit vor Ort (siehe Abschnitt „ILO at work“), mit der sie Regierungen, Betrieben und Beschäftigten hilft, bessere Arbeitsstandards zu implementieren. Innerhalb der UN-Organisationen sorgt sie zudem dafür, das Thema auf die internationale Agenda zu setzen. Ganze Regionen entwickeln sich, wenn Internationale Organisationen wie die ILO Staaten helfen, zu gemeinsamen Vereinbarungen zwischen Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern zu kommen. Denn weltweit gute Arbeitsbedingungen kann es dauerhaft nur geben, wenn alle gemeinsam an diesem Ziel arbeiten.

Schon gewusst? Einzelhandelspreis vs. Arbeitskosten

Der Gewinn in Globalen Lieferketten liegt nicht am Ort der Produktion, doch menschenwürdige Arbeit beginnt mit fairer Entlohnung. Das Gefälle zwischen dem, was wir bei uns für ein Produkt zahlen und dem, was seine Herstellung vor Ort tatsächlich kostet, ist oft gewaltig. So werden laut ILO-Bericht „Menschenwürdige Arbeit in globalen Lieferketten“ von 2016 die Arbeitskosten für ein konventionelles T-Shirt aus Asien auf etwa 20 Cent geschätzt – unabhängig vom Verkaufspreis bei uns. An einer in Großbritannien für 1,60 Pfund verkauften Teepackung verdient ein Teepflücker nur 1 Pence. Ein Arbeiter auf einer Plantage in Ecuador erhält für eine konventionelle Banane, die in einem britischen Supermarkt für 12 Pence verkauft wird, lediglich 0,75 Pence.